Ausrangierter Statiker-Streit

ove

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25. Juli 2014, 10:28 Uhr

Wer heute Morgen in der kühlen Bahnhofshalle auf die Regionalbahn nach Kiel (9.07 Uhr) wartet und sieht, dass die große Wanduhr über dem Fahrkartenschalter erst auf kurz vor neun steht, kann sich ruhig noch schnell einen Kaffee holen. Das war in den vergangenen Tagen nicht selbstverständlich. Die Bahnhofsuhr stand immer auf kurz vor neun. Auch wenn die Regionalbahn schon längst auf der Rendsburger Hochbrücke war. Morgens, mittags, abends und in der Nacht. Nun läuft sie wieder. Dass es so lange gedauert hat mit der Reparatur, mag damit zusammenhängen, dass die Bahn AG den Bahnhof lange schon (Achtung, Eisenbahner-Jargon!) ausrangiert hat. Seit einem Jahr gehört das Gebäude einem Unternehmensberater aus Freiburg.

Kein Wunder, dass der Bahnhof zu den Motiven gehört, die die Schleswiger Malerin Heidi Scheibel für ihre neue Ausstellung mit Bildern von besonders morbiden Häusern ausgewählt hat. Dass die Werke nun im Foyer des Krankenhauses ausgerechnet unter dem Titel „Ausrangiert“ zu sehen sind, soll manche Besucher irritiert haben, möchte sich dort doch kein Mensch, so krank er auch ist, ausrangiert fühlen.

Zu den Häusern, die Heidi Scheibel gemalt hat, gehört auch das alte Stadttheater – und das führt uns zum nächsten Thema: der Statik. Denn der Streit, den Statiker aus nah und fern in diesem Frühjahr um eben dieses Theater führten, ist unvergessen. Wäre das Haus für viel Geld zu retten oder hilft nur noch die Abrissbirne? Oder reichen ein paar tausend Euro und ein bisschen Leimbinder? Den Höhepunkt erreichte dieses Drama, das an Unterhaltungswert mit mancher Landestheater-Inszenierung mithielt, als ein Experte aus Köln, den die Stadt als Schiedsrichter gerufen hatte, sich vorhalten lassen musste, er sei gar kein Statiker. So viele vermeintliche Experten meldeten sich, die alle versicherten, selbstverständlich seien sie Statiker, dass wir nicht mehr glauben mochten, jemals irgendwo den schlichten Satz zu hören, die ein Sachverständiger in dieser Woche im Prozess um den gescheiterten Sprengstoff-Anschlag auf die Friedrichsberger Nospa-Filiale sprach: „Ich bin kein Statiker.“ Damit blieb ungeklärt, ob das Haus eingestürzt wäre, wenn die Sprengladung tatsächlich explodiert wäre – und die Menschen, die über der Sparkasse wohnten, in Lebensgefahr geraten wären. Glück für den Angeklagten. Ohne Statiker wird der Staatsanwalt ihm einen versuchten Mord kaum nachweisen können.

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