AfD-Politikerin Beatrix von Storch : Ausnahmezustand in Westerholz

Der Protest gegen die AfD in Westerholz war bunt, laut und fantasievoll – aber teilweise auch aggressiv und beleidigend.
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Der Protest gegen die AfD in Westerholz war bunt, laut und fantasievoll – aber teilweise auch aggressiv und beleidigend.

77 Gäste kamen zur Wahlkampfveranstaltung der AfD mit Beatrix von Storch. Draußen protestierten 370 Demonstranten und 150 Polizisten sorgten für einen geregelten Verlauf.

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27. März 2017, 09:00 Uhr

Westerholz | Keine Wahlveranstaltung der AfD ohne Gegendemonstration: An Sonnabend hatte die „Alternative für Deutschland“ zu einem Abend mit ihrer stellvertretenden Bundesvorsitzenden Beatrix von Storch in das Hotel „Ostsee Windmühle“ nach Westerholz eingeladen – eine 800-Seelen-Gemeinde direkt an der Ostsee. Gegen 17 Uhr, zwei Stunden vor Veranstaltungsbeginn, hatten sich die Gegner formiert. Die SPD hatte eine Gegendemonstration angemeldet, zu der rund 300 Demonstranten gekommen waren – und etwa 70 Mitglieder der Antifa, die von der Polizei, als gewaltbereit eingestuft wurden.

Während der Großteil der Demonstranten seinem Unmut gegen die AfD mit einem ohrenbetäubenden Trillerpfeifen-Konzert, Plakaten und Sprechchören Luft machte, versuchten die Schwarzgekleideten, die Zufahrt zu Hotel und Parkplatz zu blockieren. Das ging nicht ohne Handgreiflichkeiten ab. Mit „einfacher körperlicher Gewalt“ sei die Zwangsräumung durch die Polizei letztlich vollzogen worden, hieß es später.

Der Erfolg der Aktion allerdings war nicht dauerhaft. Die Polizei entschied sich später, keine Fahrzeuge mehr auf die Parkplätze durchzulassen. Sehr zum Ärger des AfD-Kreisvorsitzenden Frank Hansen, der der Polizei vorwarf, den Besuchern seiner Veranstaltung einen „Spießrutenlauf“ durch die Menge zuzumuten. „Die Polizei hat ihre Entscheidung damit begründet, dass sie nicht sicherstellen könne, dass Fahrzeuge bei der Fahrt durch die Menge beschädigt würden“, sagte Hansen. So musste er mit versteinerter Miene mit ansehen, wie die Teilnehmer, nur durch einen Metallzaun und eine Kette von Beamten von den Demonstranten getrennt, etwa 100 Meter zu Fuß zurücklegen mussten – unter Sprechchören wie „Nazis raus“ und weiteren Beschimpfungen und einem gellenden Pfeifkonzert. „Die Menschen sind auch bespuckt und attackiert worden“, empörte sich Hansen. In der Bilanz des Abends notierte die Polizei, dass es gegen drei „Störer“ Anzeigen wegen Beleidigung, Bedrohung und Körperverletzung gegeben habe. Ein Demonstrant wurde wegen Körperverletzung gegen einen Polizisten festgenommen.

Die einzige, die sich dem Spießrutenlauf nicht aussetzen musste, war AfD-Ehrengast Beatrix von Storch. Sie rauschte mit ihrem schwarzen Audi A8 mit Berliner Kennzeichen direkt vor den Hoteleingang.

Die stellvertretende Bundesvorsitzende allerdings verspätete sich ein wenig. Viele der anderen Gästen warteten vor dem Eingang des Hotel, geschützt durch Absperrgitter und viel Polizei, etwa 50 Meter von den Demonstranten entfernt, aber mit gutem Blick auf das Geschehen. Für sie gab es nur ein Thema: Das eben erlebte Spießrutenlaufen. „Das ist unsere Demokratie“, empörte sich ein Teilnehmer. „Das macht uns nur härter“, kommentierte ein anderer, und: „Die da draußen wissen doch gar nicht, was ein Nazi ist.“

Beatrix von Storch, die mit drei eigenen Bodyguards gekommen war, wurde im Saal von den 77 Gästen mit Beifall begrüßt. Sie hat offenbar Erfahrungen mit ähnlichen Situationen und regte an, die Vorhänge an den Fenstern des Versammlungssaals zuzuziehen – und die Menge draußen nicht zusätzlich zu provozieren.

Dass die höchst unfreundliche Begrüßung auch an den Kandidaten nicht spurlos vorbeigegangen war, wurde jeweils zu Beginn ihrer Reden deutlich. So begrüßte der schleswig-holsteinische Spitzenkandidat Jörg Nobis die Versammlung mit den Worten „Willkommen in der Wagenburg“ und bezeichnete die Veranstaltung der AfD in Westerholz als „Hotspot der Demokratie“. Beatrix von Storch war zugetragen worden, dass sich unter den Demonstranten vor der Tür auch Umweltminister Robert Habeck und die SPD-Landtagsabgeordnete Birte Pauls befanden. Ihre Anregung, die beiden Politiker für eine Diskussion in den Saal einzuladen, schlug fehl. „Es ist unsäglich und ein Skandal, dass der stellvertretende Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein zu feige ist hereinzukommen, um mit uns zu diskutieren“, sagte sie. „Das spricht für den Hass von Herrn Habeck und dieser Abgeordneten. Ich habe keine Lust, mir ihren Namen zu merken.“

Frank Hansen wehrte sich in seiner Rede gegen den Vorwurf, die AfD sei eine rechte Partei: „Da zeichnen die Medien ein völlig verzerrtes Bild.“ Das Ziel der Wahl in Schleswig-Holstein sei das Landeshaus und dafür habe man gute Kandidaten. Hansen sprach sich gegen Zwangsfusionen von Gemeinden aus und stellte die Frage, wie tolerant unsere Gesellschaft sein wolle. „Es gibt Hassprediger, Kinderehen, Schläfer und islamistische Gefährder. Wie weit wollen wir gehen“, fragte er, gab aber keine Antwort darauf, wie weit er gehen würde.

Beatrix von Storch hatte sich die Themen Migration, Islam und Gender vorgenommen. Sie bezeichnete es als größte Lüge der Nachkriegsgeschichte, dass die Aufnahme von Flüchtlingen eine menschliche Entscheidung gewesen sei. Die Bundesregierung habe im September 2015 beschlossen, die Grenzen zu schließen – und nur einen Rückzieher gemacht, weil „häßliche Bilder“ nicht zu verhindern gewesen seien. „Da fehlte es der Kanzlerin an Verantwortungsgefühl.“

Den Islam bezeichnete Beatrix von Storch unter dem Beifall der Zuhörer als „Schicksalsfrage unserer Nation“. „Wir leben in der Neuzeit. Wenn wir jetzt Kompromisse mit der Steinzeit machen, landen wir im Mittelalter. Und wir wollen nicht ins Mittelalter zurück.“

Für die Gäste endete die Versammlung gegen 20 Uhr, wie sie Stunden zuvor bekommen hatte – nur weniger intensiv. Vor dem Hotel warteten immer noch 20 Mitglieder der Antifa, die die AFD-Gäste mit „Schmährufen“ (Polizei) bedachten.

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