Mittelangeln : Auslaufmodell Fulltime-Arzt?

Voller Saal: Mehr als 100 Besucher waren der Einladung der Gesundheitsregion Nord ins Bernstorff-Gymnasium in Mittelangeln gefolgt.
Voller Saal: Mehr als 100 Besucher waren der Einladung der Gesundheitsregion Nord ins Bernstorff-Gymnasium in Mittelangeln gefolgt.

In Mittelangeln fand eine Regionalkonferenz der Gesundheitsregion Nord zur medizinischen Versorgung im ländlichen Raum statt.

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08. November 2018, 11:03 Uhr

Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt sorgte bei den mehr als 100 Besuchern in der Aula des Satruper Bernstorff-Gymnasiums zunächst einmal für eine positive Grundstimmung: „In der Zukunft wird alles besser“, behauptete der Professor von der Fachhochschule Westküste in Heide und belegte diese These mit wissenschaftlichen Untersuchungen: In den vergangenen 25 Jahren sind Einkommen, Freizeit und Lebenserwartung gestiegen, militärische Konflikte und Armut sind deutlich auf dem Rückzug. Und so werde es auch weitergehen. Alles gut also? Nicht ganz. Reinhardt bezeichnet die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich als Gefahr für den sozialen Frieden und die Alterung der Gesellschaft als Problem.

Seine Zahlen bildeten die Grundlage für eine Diskussion über die medizinische Versorgung im ländlichen Raum, zu der der Verein Gesundheitsregion Nord eingeladen hatte. Der 2. Vorsitzende Marc Pickardt skizzierte zu Beginn die Problemlage: Die Ärztedichte wird geringer, die Vorstellung, dass in jedem Dorf ein Landarzt praktiziert, wird immer mehr zum Wunschdenken. Und es bilden sich medizinische Versorgungszentren, die für ältere und nicht mehr mobile Patienten nur mit Mühe zu erreichen sind.

Für den Einstieg in die Diskussionen hatten Schüler des Geografie-Profils Befragungen durchgeführt – und das mit recht eindeutigen Ergebnissen: So fühlen sich die Menschen in Sörup, wo es einen Arzt gibt, medizinisch gut versorgt. In einem Nachbarort gibt es keine Praxis – und dort kritisieren 73 Prozent der Einwohner die medizinische Versorgung. Videosprechstunden lehnen die Menschen in und um Mittelangeln überwiegend ab.

Fachdienstleiter Thorsten Roos stellte die Bemühungen des Kreises Schleswig-Flensburg vor, die Versorgung und die Mobilität sicherzustellen. Es seien „Ankerorte“ jenseits der Zentralorte identifiziert worden, die entweder an den neuen ÖPNV angeschlossen oder auf andere Weise erreichbar gemacht werden sollen. Lars Fischer, Leitender Verwaltungsbeamter im Amt Eggebek, wies auf die Probleme hin, die schon jetzt bestehen – zum Beispiel, dass medizinische Versorgungszentren in Orten eingerichtet werden, die in der Nachbarschaft mit finanziellen Zuwendungen Ärzte abwerben. „Kannibalisierung“, nannte Fischer diese Vorgehensweise. „Letztlich ist sich jeder Ort selbst der nächste.“

Eine ganz andere Perspektive brachte der Neurologe Dr. Markus Seeger ins Spiel, der als angestellter Arzt in Kappeln und Schleswig arbeitet. Nachdem er 2016 seine Facharzt-Zulassung in der Tasche hatte, reduzierte er seine Arbeitszeit auf 30 Stunden. Das war möglich, weil er sich durch den Mangel an jungen Fachärzten in einer guten Verhandlungsposition befand. „Ich will Menschen helfen, bin aber besonders meiner Familie verpflichtet. Und mit dieser Konstruktion funktioniert das. Es muss ein Umdenken stattfinden“, fordert Seeger, „der aufopfernde Fulltime-Arzt muss Geschichte sein“.

Die abschließende Podiumsdiskussion moderierte Alf Clasen, Redaktionsleiter der Schleswiger Nachrichten. Visionen, die über bereits bekannte Modelle der ärztlichen Versorgung hinausgehen, brachte auch diese Runde nicht hervor. Die Vorschläge der Diskutanten konzentrierten sich vornehmlich auf die unterschiedlichen Varianten der medizinischen Versorgungszentren und die damit verbundenen Probleme.

Dass sich die Situation verändern wird, war allen Teilnehmern klar. Überspitzt auf den Punkt brachte es Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt: „Wenn es im Dorf keinen Gasthof, keinen Kaufmann und keine Arbeit mehr gibt, wird es auch keinen Arzt mehr geben. Wir werden uns in Zukunft einige Dinge einfach nicht mehr leisten können. Und dann muss man wohl auch mal ein Dorf schließen.“ Wie sich diese Vision mit der eingangs geäußerten optimistischen These vereinbaren lässt, blieb offen.

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