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Schleswiger Nachrichten

23. Oktober 2017 | 12:21 Uhr

SCHLESWIG : Aus der Traum vom eigenen Laden

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Wieder schließt ein Geschäft am Kornmarkt: Bettina Zander gibt ihre „Genusswelt“ auf. Stefan Wesemann (IHK) spricht über Risiken für Existenzgründer.

„Das ist aber schade“ – den Satz hört Bettina Zander in diesen Wochen „extrem oft“, sagt sie. Denn am 28. Februar wird sie ihr Geschäft am Kornmarkt schließen, das mit seinem Sortiment aus Tee und Gewürzen in den dunklen Regalen an einen Kolonialwarenladen erinnert. Das Aus für „Zanders Genusswelt“ bedauern nicht nur ihre Stammkunden, sondern auch viele Schleswiger, die – angelockt durch die 40-Prozent-Rabatt-Schilder – erstmals den Laden betreten. „Das nützt ja aber nichts, sie hätten mal vorher reinkommen können“, bedauert Bettina Zander, „man muss ja vom Umsatz leben, und nicht nur überleben.“

Zu viele Passanten seien immer wieder „stur an ihrem Geschäft vorbeigelaufen“, meint sie. Aber vielleicht hätten sie sich nicht getraut, den Laden zu betreten, weil dieser „zu exklusiv aussieht“, vermutet sie, stellt aber auch fest: „Die Menschen kaufen durchaus ein, aber zu viele tun das im Internet oder in anderen Städten.“ Während Eckernfördes Innenstadt gut besucht sei, „sagen selbst Touristen, dass in Schleswig nichts los sei und die Ladenstraße nicht attraktiv ist“. Trotzdem seien es seit Eröffnung des Ladens im Juni 2013 „tolle anderthalb Jahre gewesen“.

Vor dem Schritt in die Selbständigkeit hatte sich Bettina Zander als gelernte Floristin nicht nur intensiv mit Gewürzen beschäftigt, sondern sie ließ sich von der Schleswiger Industrie- und Handelskammer (IHK) beraten.

Allein im vergangenen Jahr gab es 60 Intensivberatungen für Existenzgründer in Schleswig – weitere 179 erfolgten telefonisch oder per Email. Die Zufriedenheit unter den Teilnehmern sei groß, erklärt Stefan Wesemann von der IHK Schleswig auf SN-Nachfrage. So habe eine Analyse der IHK Flensburg für das letzte Jahr ergeben, dass 92 Prozent der 53 Befragten die Beratung als hilfreich empfanden, 94 Prozent attestierten den Beratern gute bis sehr gute Fachkompetenz. Zudem würden 87 Prozent der Teilnehmer die IHK-Gründungsberatung weiterempfehlen.

Ähnlich positiv urteilt auch Bettina Zander über das Seminar für Existenzgründer, das die Wirtschaftsakademie bis zu sechs Mal im Jahr veranstaltet. Dabei wurden ihr kaufmännisches Wissen, das Schreiben von Konzepten, Buchhaltung und Rechtliches in drei Wochen „reingeprügelt“, erinnert sie sich. Auch wenn sie danach noch viele Fragen gehabt habe, sei das Seminar gut gewesen. „Aber vieles lernt man nur durch eigenes Tun“, meint sie. Allerdings: Bei ihrem dreiwöchigem Seminar damals hätten rund ein Dutzend Leute teilgenommen – „von denen weiß ich aber nur von einem Flensburger Ehepaar, das bis heute erfolgreich selbstständig ist.“

Stefan Wesemann erklärt, dass eine Beratung vor dem Schritt in die Selbständigkeit enorm wichtig sei: „Sie soll angehenden Unternehmern dabei helfen, ihre Zukunft realistisch zu bewerten.“ Dabei gehe es um Fragen wie den geeigneten Standort oder aber, ob der Umsatz die Lebenshaltungskosten deckt. Zudem hätten die Berater Erfahrung und stellten auch Fragen, auf die man selber gar nicht komme. Ein Beispiel sei die Krankenversicherung, die ein Selbstständiger zu 100 Prozent alleine trage. Dennoch seien Existenzgründer-Seminare „natürlich keine Garantie für den Erfolg, sondern vielmehr nur eine Grundlage dafür“. Es sei vergleichbar damit, dass ein Führerschein kein unfallfreies Fahren gewährleiste.

Und so bedauert auch Wesemann den Entschluss von Bettina Zander, ihren Laden zu schließen, „denn sie hat das Angebot in Schleswig bereichert“. Allerdings bestätigt das Aus für „Zanders Genusswelt“ einen bundesweiten Trend. Wie Wesemann sagt, gebe die Hälfte der Existenzgründer innerhalb der ersten vier Jahre die Selbständigkeit wieder auf, „nach acht Jahren ist nur noch ein Viertel übrig“. Diese Zahlen gelten grundsätzlich auch für Schleswig-Flensburg. Das Risiko liege immer bei den Existenzgründern: „Und im Optimalfall macht man sich nur einmal im Leben selbstständig und ist dann erfolgreich am Markt.“

Zwar ist dieser Optimalfall bei Bettina Zander nicht eingetreten, doch die 47-Jährige hat schon einen Plan B: Dänemark. „Ich spreche und schreibe perfekt Dänisch und ich hatte schon mal angedacht, nach Dänemark zu gehen“, sagt sie und ergänzt in Hinblick auf die Ladenschließung: „Nichts passiert ohne Grund.“

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