Schleswiger Stadtgeschichte : Aus dem Leben eines Kommunisten

Der Schleswiger Karl Vollstedt verheimlichte seine KPD-Mitgliedschaft und versteckte sein Parteibuch. Er war nur Mitläufer, kein Aktivist.
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Der Schleswiger Karl Vollstedt verheimlichte seine KPD-Mitgliedschaft und versteckte sein Parteibuch. Er war nur Mitläufer, kein Aktivist.

Die neuesten „Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte“ beschäftigen sich mit einem KPD-Mitglied in der Nazi-Zeit. Auch die Altstädter Schützengilde ist Thema.

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18. Dezember 2017, 10:29 Uhr

Karl Vollstedt war ein Arbeiter, der als junger Erwachsener die turbulente Endphase der Weimarer Republik miterlebt hat. Für ihn war es unerträglich, dass die Nationalsozialisten auch in seiner Heimatstadt Schleswig immer mehr Oberwasser bekamen, 1931 trat Vollstedt deshalb in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein. Der gelernte Ziegelbrenner war kein Parteiaktivist, dennoch steht seine Geschichte exemplarisch auch für andere Angehörige der Arbeiterschaft in jener Zeit. Seine KPD-Mitgliedschaft musste er vor den Nazis verheimlichen.

Der Tarper Hans-Werner Johannsen hat sich im gerade neu erschienenen Band 62 der „Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte“ dem Schicksal Vollstedts gewidmet. Ausgangslage war ein Griff des Pensionärs ins eigene Archiv. Dort stieß er auf die Kopie des KPD-Mitgliedsausweises von Vollstedt. Jenes Dokument hatte Johannsen einst in seiner Zeit als Geschichtslehrer an der Asmus-Jakob-Carstens-Schule (die heutige Gallbergschule) von einem seiner Schüler bekommen, der es auf dem Dachboden gefunden hatte. „Es gibt nicht viele Zeitdokumente über die Arbeiterschaft Schleswigs aus dieser Zeit“, schreibt Johannsen. In seinem Aufsatz schildert er, wie der Familienvater Vollstedt seinen Parteiausweis nach der Machtübernahme der Nazis versteckte. Schließlich wurden SPD- und KPD-Mitglieder willkürlich verhaftet – am 6. Mai 1933 waren in Schleswig laut Johannsen 78 Personen in „Schutzhaft“. Vollstedts KPD-Mitgliedschaft, mutmaßt der Autor, dürfte „nur einem kleinen Kreis Gleichgesinnter bekannt gewesen sein“.

Aufschlussreich sind die Angaben im KPD-Mitgliedsbuch. „Maßregeln für das Verhalten vor Gericht“ ist eine Seite überschrieben. So dürfe ein Kommunist unter keinen Umständen durch seine Aussagen andere Genossen belasten, heißt es da beispielsweise.

Karl Vollstedt konnte seine politische Gesinnung verbergen. Dennoch starb er kurz vor Kriegsende am 26. April 1945 mit nur knapp 40 Jahren in Norwegen – vermutlich an Magenkrebs. Er hatte seit 1941 in der Kriegsmarine gedient.

„Wir haben wieder ein sehr gutes Heft hinbekommen“, findet Klaus Nielsky, Vorsitzender der Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte. Auch Redaktionsleiter Dr. Matthias Schartl betont die gelungene Mischung aus wissenschaftlichen Aufsätzen und Lebenserinnerungen. Zudem habe man mit einem luftigeren Schriftbild für mehr Lesefreundlichkeit gesorgt.

Nielsky und Schartl freuen sich, dass nach längerer Zeit auch mal wieder Christian Radtke, ehemaliger Stadtarchivar und früherer wissenschaftlicher Mitarbeiter des Archäologischen Landesmuseums, als Autor in Erscheinung tritt. Er geht in seinem Aufsatz der Frage nach: „War die Schleswiger Schützengilde im Mittelalter eine Knudsgilde?“. Radtke liefert sichere Indizien für eine Knudsverehrung. Namensgeber der Knudsgilden war Knud Laward, der erste Herzog von Schleswig (1096-1131). Die erste Knudsgilde wurde im 12. Jahrhundert in Schleswig als Gilde reicher Kaufleute gegründet.

„Hochtalent bei Kleinwuchs“ lautet der Titel des Beitrags von Arne Jensen. Er schreibt über seinen Großonkel, den Bildhauer Emil Rasmus Jensen, der in früher Kindheit an der Englischen Krankheit litt, die sein Wachstum bremste. Emil Jensen maß nur 98 Zentimeter, leistete als Künstler aber Großes. Viele ältere Schleswiger werden sich an seine Werke erinnern, zierten sie doch Haus und Garten der früheren „Frauenklinik“ an der Flensburger Straße. Der Neffe des Künstlers, Uwe Jensen, war gemeinsam mit seiner Frau Ingrid, Betreiber der Klinik.

Der jahrhundertealten Fährverbindung zwischen der Freiheit und Fahrdorf widmet sich Friedrich Stoll. In seinem Beitrag geht es auch um die Geschichte des Fährhauses, das ungefähr an jener Stelle stand, an dem später das Offizierskasino errichtet wurde, als die Freiheit Mitte der 1930er-Jahre zu einer Kaserne geworden war. „Das zeigt, was für ein Kleinod die Freiheit vor der Kasernenzeit war“, sagt Klaus Nielsky.

Der Vorsitzende der Stadthistoriker und sein Stellvertreter Matthias Schartl denken derweil bereits an den nächsten Band im kommenden Jahr. Jeder, der sich für Stadtgeschichte interessiere und etwas Interessantes mitzuteilen habe, könne einen Artikel einreichen, betonen beide.

> Band 62 der „Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte“ wird an die knapp 700 Mitglieder der Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte verschickt. Interessierte können auch ein Exemplar über Geschäftsführer Siegfried Lawrenz, Friedrichstr. 11, 24837 Schleswig, Tel. 04621 / 99 93 00, beziehen.

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