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Schleswiger Nachrichten

15. Dezember 2017 | 15:18 Uhr

Schleswig : Augenärzte im Urlaub – und nun?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Schleswiger Augenarzt-Praxen stimmen ihre Urlaubsvertretung offenbar nicht miteinander ab: Ein Rentner mit akuten Sehstörungen findet in keine Behandlung.

von
erstellt am 04.Aug.2015 | 07:36 Uhr

Drei Augenarzt-Praxen gibt es in Schleswig. Aber das nützt dem Schleswiger Rentner Horst-Dieter Hansen (74) so gut wie gar nichts. Denn zwei der Praxen – das AZE im Stadtweg 72-76 (Büchereigebäude) und die der niedergelassenen Augenärztin Dr. Vera Christoph in der Plessenstraße 13 – haben zur Zeit geschlossen. Und zwar gleichzeitig, wegen Urlaubs: „Am 10. August sind wir wieder für Sie da“, heißt es jeweils auf deren Anrufbeantwortern. Und die dritte Praxis, die in der Königstraße 20a, kommt ohnehin für den Rentner Hansen nicht in Frage, weil dort nur Privatpatienten behandelt werden. „Was soll ich also machen?“ beklagt er gegenüber den SN: „Ich brauche doch dringend augenärztliche Hilfe.“

Tatsächlich befindet er sich in einer verzweifelten Lage. Erst Ende vergangener Woche wurde er aus dem Schleswiger Krankenhaus nach der Behandlung eines Schlaganfalls (ein Hirnstamm-Infarkt) entlassen, nun ist er mit einer akuten Sehstörung auf sich allein gestellt. Er leidet unter der sogenannten Diplopie, dem Doppeltsehen. Ein Zustand, der wohl mit einer Störung der Augenmuskeln zusammenhänge und der ihm massive Kopfschmerzen bereite. „Ich kann nicht mehr länger als zehn Minuten lesen und auch auf meinem iPad nichts mehr erkennen.“ Sein behandelnder Klinikarzt hatte ihm bei der Entlassung dringend eine schnelle augenärztliche Spezialuntersuchung angeraten. Nun aber sind die Hürden für den kranken Rentner, überhaupt eine Augenarztpraxis in Reichweite zu finden, unerwartet hoch geworden.

Horst-Dieter Hansen besitzt einen Schwerbehinderten-Ausweis und ist kaum mobil. Mit Hilfe von Krücken bewegt er sich vorwärts, „die geben mir Sicherheit wegen meines Schwindelgefühls.“ Er lebt allein in seiner Wohnung im Domweg und versucht derzeit, trotz aller Erschwernisse mit möglichst viel Bewegung wieder auf die Beine zu kommen, wie er berichtet. Im Krankenhaus habe er sich „bestens versorgt“ gefühlt. Dass nun, da er auf niedergelassene Praxen angewiesen sei, die Schleswiger Augenärzte ihre Urlaubszeiten nicht miteinander abgestimmt hätten, ärgere ihn sehr. Und dies sei, wie er gehört habe, bereits im vergangenen Sommer ähnlich abgelaufen. „Das alles hat für mich zur Folge, dass ich einen großen Kraftakt leisten muss, um Hilfe zu bekommen“, sagt er.

Gestern Nachmittag nun hat er Kontakt aufgenommen zum Augenarztzentrum in Eckernförde (AZE) und um einen schnellen Untersuchungstermin gebeten. Und? „Na ja, die Dame dort war sehr freundlich zu mir und hat mir für den nächsten Tag einen Termin mit langer Wartezeit gegeben.“ Wie lange? Mit mindestens zwei Stunden Warten müsse er schon rechnen. Und leider sei zudem der zuständige Spezialist für Doppeltsehen gerade in Urlaub, da müsse man erstmal weitersehen, hieß es. „Ich werde das Ergebnis abwarten, aber vielleicht werde ich ja sogar noch zur Augenklinik nach Rendsburg müssen.“ Auf SN-Nachfrage bestätigte gestern das AZE in Eckernförde, man übernehme derzeit die Urlaubsvertretung für die eigene Dependance in Schleswig, so dass Notfallpatienten aus Schleswig nach Eckernförde kommen müssten.

Auf dem automatischen Anrufbeantworter der Praxis von Dr. Vera Christoph in der Plessenstraße wird darauf verwiesen, dass Patienten sich „in dringenden Notfällen an die Augenklinik Rendsburg wenden können oder – außerhalb der Sprechzeiten – an den ärztlichen Bereitschaftsdienst“.

Augenarzt-Praxen, die offensichtlich nicht miteinander kommunizieren, die also gleichzeitig das Schild „Geschlossen“ hoch halten – ist das rechtens vor dem Hintergrund von Schicksalen wie das von Ernst-Dieter Hansen? Nachfrage bei der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KV). „Das ist so natürlich höchst unglücklich gelaufen“, erklärt KV-Pressesprecher Marco Dethlefsen und verweist auf den Appell der KV, dass Arztpraxen sich in Urlaubsangelegenheiten vor Ort miteinander abstimmen sollten. Die KV mische sich in der Regel nur dann ein, wenn Patienten Beschwerden gegenüber ihrer Krankenkasse äußerten, so dass diese dann wiederum die KV benachrichtige. Der KV-Sprecher zitierte eine Passage aus dem „Bundesmantelvertrag Ärzte“, nach der eine niedergelassene Praxis als Urlaubsvertretung nur eine ebenfalls niedergelassene Praxis benennen könne – ausschließlich eine Augenklinik dürfe es nicht sein.

Trotz seines schlechten Allgemeinzustandes wird Ernst-Dieter Hansen heute Vormittag nun mit dem Linienbus ab ZOB nach Eckernförde fahren, dort mit seinen Gehhilfen in die AZE-Praxis gelangen – und dann vielleicht zwei Stunden lang auf seine Untersuchung warten. „Es wird für mich eine Tortur“, sagt er. „Aber ich habe keine andere Wahl.“

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