Aufführung hinter Gittern

Rockiger Auftakt, brutale Overtüre: Domschüler spielten Mord-, Vergewaltigungs- und Knast-Szenen in der Jugendanstalt.  Foto: Thalmann
Rockiger Auftakt, brutale Overtüre: Domschüler spielten Mord-, Vergewaltigungs- und Knast-Szenen in der Jugendanstalt. Foto: Thalmann

Domschüler zeigen zum Abschluss der Zusammenarbeit mit der Jugendanstalt "Clockwork Orange"

shz.de von
24. Mai 2011, 07:23 Uhr

Schleswig | Es war der vorläufige Abschluss einer bemerkenswerten Zusammenarbeit. Über mehrere Monate hinweg unterstützten Leitung und Häftlinge der Jugendanstalt (JA) die Theatergruppe der Domschule bei der Erarbeitung des Stücks "Clockwork Orange". Jetzt revanchierte sich das Gymnasium für die Kooperation und spielte den Klassiker von Anthony Burgess hinter Gittern.

Aufgeregt steht Lehrer Karlheinz Einsle in der gefängniseigenen Turnhalle, und hofft, dass mit der Technik am fremden Ort alles klappt. Die Schüler müssen gleich auf die Bühne. Dass die heute hinter meterhohen Betonmauern steht, und sie selbst gerade mehrfach eingeschlossen sind, blendet nur deren Lampenfieber aus. Auch für die Anstaltsleiterin Anne Damberg ist dies kein Tag wie jeder andere: "Der Kontakt mit außen ist für uns immer ein Ereignis", erklärt sie. Und Theater - das hat es hier sowieso noch nie gegeben.

86 junge Männer von 14 bis 24 Jahren sind im Königswiller Weg inhaftiert. Ihre Straftaten reichen von Diebstahl bis hin zu schwerer Körperverletzung. Niemand weiß, wie die mehr als 50 Häftlinge, die sich das Stück ansehen, darauf reagieren werden. Denn es ist über weite Teile eine Orgie der Gewalt.

Als die Schüler das Stück mit dem rockigen Sound der "Toten Hosen" eröffnen, befinden sich sechs uniformierte Wachleute in der Halle, Betreuungspersonal hat sich mit auf die Bänke gesetzt. Auf der Bühne fällt schon nach wenigen Minuten der Ausdruck "du dreckiger Wixer" fällt. Es folgt ein erstauntes Lachen im Publikum. Die jungen Zuschauer sind irritiert. Schließlich sollen sie doch im Gefängnis doch lernen, sich sozial korrekt zu verhalten und werden bestraft, wenn sie es nicht tun.

Wieso werden sie jetzt Zeugen theatraler Unflätigkeiten? Wieso zeigt man ihnen Mord- und Vergewaltigungsszenen? Und warum spielen einige Szenen von "Clockwork Orange" sogar im Gefängnis. - inklusive brutaler Gewalt, mit der dort die Hierarchie festgelegt wird? Es scheint so, als verstehen die "echten" Häftlinge erst mal gar nicht, was das soll. Aber Anstaltsleiterin Anke Damberg weiß das: Sie hofft, "Dass so mancher zum Weiterdenken angeregt wird. Denn für viele ist große Brutalität Teil ihrer eigenen Geschichte - als Täter, als Opfer oder beides".

Auffallend ist, dass einige Häftlinge selbst an den grausamsten Stellen lachen. Marlies Heckt, Sozialpädagogin der JA, erklärt: "Das erhöht einfach den Coolness-Faktor."

Ebenso auffallend: Im Verlauf des Stücks bekommen alle blonden, langbeinigen Darstellerinnen Szenenapplaus. Als "anfangs gewöhnungsbedürftig" bezeichnen die Schauspielerinnen diese Reaktion. Doch insgesamt, so resümierten sie, hätten sie vor einem ungewöhnlich aufmerksamen Publikum gespielt. "Die Mädchen sind hübsch", meint ein Insasse. Als "eine Ablenkung vom tristen Alltag", beurteilt ein anderer den Auftritt der Domschüler. Das Experiment im Königswiller Weg: Es ist aus Sicht beider Seiten gelungen.

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