Schleswiger Tennisclub : Auf der Suche nach dem Lisicki-Fieber

An der Husumer Straße ist die Anlage des Schleswiger Tennisclubs. Foto: oje
An der Husumer Straße ist die Anlage des Schleswiger Tennisclubs. Foto: oje

Sabine Lisicki steht als erste deutsche Tennisspielerin seit Steffi Graf im Wimbledon-Finale. Grassiert wieder das Tennis-Fieber? Jedenfalls nicht im Schleswiger Tennisclub.

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07. Juli 2013, 04:41 Uhr

Schleswig | Deutschland im Tennisfieber. Plötzlich prangt das Foto von Sabine Lisicki auf den Titelseiten fast aller Zeitungen. Leute, von denen man nicht ahnte, dass sie wissen, wie man Tennis schreibt, erkundigen sich, wann genau am Sonnabend das Wimbledon-Finale beginnt. Es ist fast wie in den späten Achtzigern, als Boris Becker und Steffi Graf berühmter waren als Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher.
Damals griff die halbe Nation selbst zum Racket. Wir fragten uns: Gibt es sie in Schleswig eigentlich noch - die aktiven Tennisspieler? Schweben sie auf Wolke 7, weil Sabine Lisicki ihrer Sportart endlich wieder zur alten Popularität verhilft? Wir wollten nachsehen und machen uns auf den Weg zur Anlage des Schleswiger Tennisclubs von 1925. Sie liegt am Stadtrand in einem Wäldchen an der Husumer Straße.

"Es gibt noch Schleswiger, die Tennis spielen"

Freitagnachmittag kurz nach 15 Uhr, 20 Grad und Sonnenschein. Eigentlich eine ideale Zeit, um ein paar Bälle zu schlagen. Als wir auf dem Parkplatz standen, hörten wir nirgends das Ploppen der gelben Filzkugeln auf Kunstfasersaiten. Nur Vogelgezwitscher und von Ferne die Motorengeräusche von der B201. Es war niemand da. Die acht verwaisten Ascheplätze machten einen tadellos gepflegten Eindruck, die Seitenlinien akkurat gezogen, die Netze straff gespannt. Am Rande entdeckten wir eine Sandkiste, in der Gras über einem blau-gelben Spielzeuglastwagen-Wrack wucherte. Uns stellte sich eine bange Frage: Waren wir die ersten modernen Menschen, die diese prähistorische Stätte aus dem Steffi-und-Boris-Zeitalter betreten? Sollten wir Herrn Segschneider vom Archäologischen Landesamt holen?
Aber dann: Das Clubhaus. Die Tür war zwar verschlossen, aber im Fenster hing ein Zettel: Gastspieler zahlen zehn Euro pro Stunde, stand darauf - und dann die Unterschrift: "1. Juli 2013, der Vorstand". Hier muss erst vor wenigen Tagen jemand gewesen sein. Statt bei Martin Segschneider riefen wir bei Hans Carsten Nissen an, dem Vorsitzenden des Tennisclubs. "Doch, doch", versicherte er uns, "es gibt noch Schleswiger, die Tennis spielen." Aber die seien dann wohl gerade im Urlaub. Man habe die Vereinsanlage gerade erst für 6000 Euro modernisiert. Die Zahl der Mitglieder sei zwar über viele Jahre immer weiter gesunken, "aber jetzt ist die Tendenz wieder steigend". An einem Boom freilich liege das nicht, gab er zu. Eher daran, dass in den umliegenden Dörfern die Tennissparten dichtmachen und die verbliebenen Mitglieder sich in Schleswig anmelden.
Immerhin: Sollte Sabine Lisicki heute Nachmittag ihr Wimbledon-Endspiel gegen Marion Bartoli tatsächlich gewinnen und plötzlich die halbe Stadt wieder Tennis spielen wollen - Plätze genug sind vorhanden.

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