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Süderstapel : Appetit machen auf den Landarztjob

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Dr. Holger Hamann öffnet seine Praxis für Medizin-Studenten. Diese müssen ein neues Pflichtpraktikum im Bereich der Allgemeinmedizin absolvieren.

Wie kann man die hausärztliche Versorgung auf dem Lande sicherstellen – eine Frage, die auch in der Region Stapelholm die Gemüter bewegt. Im letzten Herbst hatten Bürgermeister Jochen Tüxsen aus Wohlde und Dr. Holger Hamann aus Süderstapel eine erste Gesprächsrunde zu diesem Thema zusammengebracht. Bundesweit sind im Jahr 2013 mehr als 2000 Hausärzte ausgeschieden und nur 1100 Facharztanerkennungen zum Allgemeinmediziner erfolgt. Auch im Stapelholmer Raum werden in wenigen Jahren die Lichter in vielen Praxen ausgehen, wenn es nicht gelingt, Nachfolger zu finden.

Professor Dr. Hanna Kaduszkiewicz, Leiterin des Instituts für Allgemeinmedizin der Christian-Albrechts-Universität (CAU) in Kiel, sieht vielfältige Gründe für diese Entwicklung. Während des Studiums dominiere das Spezialistentum, da die Studierenden hauptsächlich von stationär tätigen Spezialisten unterrichtet und mit stationär zu behandelnden Erkrankungen und ihren diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten konfrontiert würden, sprich die Ausbildung in Kliniken und die Gerätemedizin im Vordergrund stehen. Die Allgemeinmedizin habe im Laufe der Zeit einen viel zu geringen Stellenwert zugewiesen bekommen und sei zurzeit wenig attraktiv.

Auf der einen Seite werde die Zahl der älteren, chronisch kranken Patienten immer größer. Und sich ändernde Einstellungen zu Beruf und Familie, die starke Zunahme von Frauen in der Medizin, sowie das um sich greifende Zurückschrecken vor der Übernahme von Verantwortung führe dazu, dass ein Hausarztsitz eher mit zwei Ärzten als mit einem nachbesetzt werden müsse.

Dieser Entwicklung wird nun entgegengesteuert. Kaduszkiewicz hofft, unter anderem mit einer neu eingeführten Änderung innerhalb der Ausbildung zum Mediziner den Studenten den Hausarzt näher zu bringen. Zusätzlich zum bisher einwöchigen Praktikum im zehnten Semester haben die Studenten jetzt schon frühzeitig ein erstes Blockpraktikum zwischen dem fünften und sechsten Semester in einer Hausarztpraxis zu absolvieren.

Dazu braucht es natürlich Praxen, die willens, in der Lage und bereit sind, Studenten während dieser Praktika zu betreuen. Rund 180 akademische Lehrpraxen, davon fünf in Flensburg und neun im Kreisgebiet, gibt es in Schleswig-Holstein. Seit kurzem gehört auch die Praxis von Dr. Holger Hamann dazu, die der 58-jährige Arzt und gebürtige Hamburger seit 1989 in Süderstapel führt und in der er nach eigener Auskunft bis zu 1200 Patienten pro Quartal versorgt.

Hier absolviert Miriam Kampers (21), Medizin-Studentin im fünften Semester an der CAU, ihr erstes Praktikum. Das Ländliche kennt sie aus ihrer Heimat im Oldenburger Münsterland, und da sie mobil ist, war sie nicht auf die Praxen im Kieler Umland angewiesen. Für die Fahrtkosten gibt es zudem einen Zuschuss von der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein.

Ihre Vorstellungen vom ländlichen Praxisleben seien dabei voll erfüllt worden, sagt die Studentin: „Es ist ein freundliches Verhältnis zwischen den meist älteren Patienten und dem Hausarzt, und es gibt ein breites Spektrum an Erkrankungen, auch wenn die Grippe zur Zeit ein Hauptthema ist.“ Zum jetzigen, relative frühen Zeitpunkt des Studiums könne sie zwar noch nicht sagen, ob ihre berufliche Zukunft im Betrieb einer Landarztpraxis liege, „ich halte es aber für sehr wichtig, sich frühzeitig über dieses wichtige Gebiet zu informieren“, so Kampers. Beim zweiten Pflicht-Praktikum in diesem Bereich werde dies schon aufgrund der Erfahrungen anders sein.

Viele Fragen gebe es auch in Bezug auf das Betreiben einer Praxis: „Der unternehmerische Teil ist zumindest bis jetzt noch nicht im Studium angesprochen worden, und mit den Bafög-Schulden im Hintergrund scheut man schon vor neuen Schulden bei einer Praxisübernahme zurück“, sagt die angehende Medizinerin. Als Frau sehe sie natürlich auch die Problematik, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen: „Darauf muss sich die Arbeitswelt einstellen, denn sonst ist das nicht zu machen.“

Dr. Holger Hamann wünscht sich, dass auf lange Sicht ein Student seine Liebe zu Stapelholm derart entdeckt, dass er in der Region Hausarzt wird, denn im Vergleich zu den Kollegen aus vielen Nachbardörfern „gehöre ich hier noch zu den jungen Ärzten“, sagt er. Wenn Hausarzt-Praxen im Umland in wenigen Jahren schließen müssten, weil keine Nachfolger gefunden werden, werde es schwierig mit der Versorgung. Es gelte, dieser Gefahr entgegenzusteuern, auf allen Seiten, sprich: Auch die praktizierenden Landärzte müssten aktiv werden. „Wir müssen aus unserer Lethargie heraus“, sagt Hamann, der sich deshalb dafür entschied, seine Praxis für die Studentenausbildung zu öffnen.

Und natürlich gibt es aus seiner Sicht auch Anreize für die Übernahme einer eigenen Praxis: „Hier bin ich mein eigener Herr“, sagt er. Aber natürlich sei ein Praktikum in diesem Abschnitt des Studiums nur ein „Appetitmacher“, für Richtungsentscheidungen sei es wohl noch zu früh. Für den Praxisinhaber sei es gleichwohl erfrischend, sich mit der unvoreingenommenen Neugier der Studentin auseinander zu setzen.

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