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Windkraft : Anwohner: „Die Rotoren machen uns krank“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Anwohner leiden seit Jahren an Übelkeit, Schwindel und Magen-Darm-Problemen. Und machen den Infraschall von Windrädern dafür verantwortlich.

shz.de von
erstellt am 11.Jun.2016 | 07:27 Uhr

Silberstedt | Ingeborg Mustert legt sich ins Bett, schläft ein. Ein paar Stunden später wird sie wach, ihr ist übel. Sie kann nicht mehr einschlafen, steht auf und setzt sich im Wohnzimmer in einen Sessel, bis ihr Körper sich beruhigt hat. Auch tagsüber gehen Übelkeit und Schwindel nicht weg, die 70-Jährige geht deshalb nur aus dem Haus, „wenn ich kann“, wie sie selbst sagt. Woher diese Symptome kommen? Da ist sie sich sicher: durch den Infraschall der Windkraftanlagen, die sich in der Umgebung ihres Hauses befinden.

Vor vier Jahren kamen die ersten Symptome. Mustert ging zu einem HNO-Arzt, doch der habe nur gesagt: „Jeder Zweite hat Schwindel.“ Seit drei Jahren leidet sie an einer unterschwelligen Übelkeit und Lagerungsschwindel. Hinzu kommen Magen-Darm-Probleme und ein Druckgefühl im Kopf. In Silberstedt und den umliegenden Gemeinden sei sie nicht die einzige, die unter dem Infraschall der Windkraftanlagen leide. Auch Silke Thomsen (61) aus aus Treia und ihre Tochter Gesa (35), die in Silberstedt wohnt, sind nach eigener Aussage davon betroffen. „Erst standen hier drei Windräder, jetzt sind es 100“, stellt Gesa Thomsen die Dimension dar.

Dass sie davon krank würde, hätte sie nicht gedacht. Kein Tag sei beschwerdefrei. Manchmal könne sie noch nicht einmal arbeiten, weil sie sich krank fühlt. An anderen Tagen könne sie wegen Sehstörungen nicht mehr Auto fahren. „Ich habe keine Lebensqualität, man schafft es nicht mehr“, erzählt sie. Am meisten beunruhigt die drei Frauen aber ihre Körpertemperatur, die nach ihren Angaben nicht über 36,2 Grad ansteigt – bei Silke Thomsen lag der niedrigste Wert bei 34,7 Grad. Auch bei Kindern in Silberstedt sei diese Temperatur gemessen worden – sogar unmittelbar nachdem sie Sport getrieben hätten, erzählt Mustert.

Mustert sowie Gesa und Silke Thomsen haben eine Liste mit elf möglichen Symptomen, die durch Windkraft auftreten, erstellt. Insgesamt haben sich 60 Menschen mit unterschiedlichen Symptomen in diese Liste eingetragen. Silke Thomsen, die in einer Apotheke arbeitet, hat zudem beobachtet, dass verstärkt Medikamente gegen Übelkeit gekauft werden. Die drei Frauen sind bei einem Heilpraktiker in Behandlung, um die Beschwerden zu lindern. Von ihm fühlen sie sich ernst genommen. „Die Politik ignoriert die gesundheitlichen Folgen durch Infraschall“, sagen sie. Thomsen habe mehrere Anschreiben verfasst und nach Kiel geschickt, doch „es gibt keine Reaktion“.

Dass Windkraftanlagen aber Auswirkungen auf die Gesundheit haben können, bestätigt Dr. Jürgen Golz vom Institut für Psychologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Der Schattenwurf der Flügel sowie deren Bewegungsgeräusch löse im Körper Stress aus. „Die Menschen fühlen sich ermattet“, erklärt er. Als Folge könnten Bluthochdruck und Schlafstörungen auftreten. Es gebe außerdem Befunde, die zeigen, dass Probleme als Folge von Windkraft auftreten. Wichtig sei es, die Beschwerden der Menschen ernst zu nehmen, denn nicht nur die Gesundheit leide unter den Windanlagen. „Einige Menschen müssen wegziehen, obwohl sie es nicht wollen“, sagt er. Doch zwischen den betroffenen Menschen und der Politik gebe es Diskrepanzen, denn nur wenige könnten sich vorstellen, dass die Schallwellen eines Windrades fatale Folgen hätten.

Die kleine Interessengemeinschaft um Mustert, Silke Thomsen und ihrer Tochter möchte, dass die Anlangen über einen bestimmten Zeitraum abgeschaltet werden, um zu sehen, ob sich ihr gesundheitlicher Zustand verbessert. Auch Golz sieht das als eine Möglichkeit an, er warnt jedoch, dass dies nicht so einfach möglich ist. „Wir klammern uns an jeden Strohhalm“, macht Silke Thomsen die Verzweiflung deutlich, und Mustert ergänzt: „Ich bin kein Windkraftgegner, aber ich möchte einfach wieder Lebensqualität haben.“

 


Infraschall: Das sagen die Behörden

Das Kieler Energiewende- und Umweltministerium betont, es gebe „aus den vorliegenden Studien keine Belege für Infraschall unterhalb der Wahrnehmungsschwelle“. Die Grenzwerte für Schall-Emissionen in der Technischen Anleitung (TA) Lärm werde deshalb „bisher als ausreichend“ angesehen. Allerdings betont das Ministerium, die Regelwerke stellten auf „normal empfindende Menschen“ ab.

Darauf weist auch das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume (LLUR) in Flintbek hin, das den Bau von Windkraftanlagen absegnen muss. Daher sei es bei Schall „durchaus möglich, dass empfindliche Menschen sich bereits belästigt fühlen, obwohl der Richtwert der TA Lärm nicht überschritten ist“. Für Schutzansprüche über diese gesetzliche Vorschrift hinaus gebe es jedoch keine Rechtsgrundlage. 

Das LLUR verweist auf eine Bundesstatistik: Trotz mehr als 10.000 Windkraftanlagen in Deutschland seien bisher lediglich 42 Beschwerdefälle wegen tieffrequenter Geräusche aktenkundig. In 31 davon sei nachgemessen worden – ohne Überschreitung der Grenzwerte.

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