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Amtsgericht Schleswig : Amokfahrt oder nur ein Versehen?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Dramatisches Ende eines Badeausflugs in Idstedter Kieskuhle: 45-jähriger Radlader-Fahrer muss sich vor dem Schöffengericht verantworten.

Der 23. Juli 2014 war ein schöner Tag. Eine Mutter aus der Region nutzte die angenehmen Temperaturen zusammen mit ihrem Lebensgefährten, Tochter und Enkeltochter zu einem Ausflug in die Kieskuhle nach Idstedt zum Angeln und Plantschen – der dortige Baggersee wird gern von Badegästen und Anglern genutzt. Der Tag endete allerdings mit Panik, Todesangst, einem Warnschuss aus einer Polizeipistole und einer Festnahme. Gestern musste sich der 45-jährige Maschinenführer Ernst A. vor dem Schleswiger Schöffengericht für eine ganze Reihe von Straftaten verantworten. Die Staatsanwältin warf dem Mann schweren Eingriff in den Straßenverkehr, gefährliche Körperverletzung, Nötigung und Sachbeschädigung vor.

Der Angestellte arbeitet der Kiesgrube – und schilderte den Fall zunächst aus seiner Sicht. In seiner Befragung erklärte er, er habe sich an diesem Tag von einem in der Nähe des Sees geparkten Ford Fiesta in seiner Arbeit, dem Kiesabbau, behindert gefühlt. Da er dem Fahrer, einem guten Bekannten, erst am Vortag mitgeteilt habe, es handle sich um ein Privatgelände, auf dem Autos nichts zu suchen hätten, setzte er ein Signal, wie er es selbst formulierte: Er blockierte den Kleinwagen, indem er davor und dahinter einen Sandwall aufschüttete. Aus Ärger darüber, dass er provoziert worden sei, als Abschreckung für andere Autofahrer – und auch als Schutz für den Wagen, den er beim Rangieren mit seinem mächtigen Radlader nicht beschädigen wollte, wie er vor Gericht beteuerte.

Die Aufforderung das Hindernis wieder zu beseitigen, lehnte der Mann ab. „Da hinten steht eine Schaufel, seht zu, dass ihr selbst wieder rauskommt“, sagte er und widmete sich wieder seiner Arbeit in einem anderen Teil der Kieskuhle. Als er später zurückkehrte, war inzwischen die Polizei eingetroffen. Über das weitere Geschehen gehen die Angaben weit auseinander. Konsens besteht noch darüber, dass sich der Angeklagte weigerte, seinen Ausweis zu zeigen. Ernst A. schilderte, dass er aufgefordert worden sei, die Sandhaufen zu entfernte. „Ich hab’ zwar gewarnt, dass dabei was kaputtgehen könnte, hab es dann aber gemacht.“ Allerdings habe der Lader ungewöhnlich reagiert und er habe dem Fiesta einen Schubs gegeben. „Gleichzeitig sah ich, wie ein Polizist mit seiner Waffe rumgefuchtelt hat. Die sollen für Ordnung sorgen und keinen Mist verzapfen.“ Er habe sein schweres gerät gewendet und sei davongefahren. „Weil die es nicht begriffen haben, was Sache ist.“ Eine Verfolgung verhinderte er, indem er die Zufahrten zur Kieskuhle mit Lkw-Reifen und Sandhaufen blockierte. Später wurde er auf dem Gelände von den beiden Beamten festgenommen, die sich freigeschaufelt und Verstärkung alarmiert hatten.

Während die Schilderung des Baggerfahrers nach der Geschichte eines durchsetzungsstarken Menschen klingt, der auf dem Weg zu seinem vermeintlichen Recht mit kleinen Unfällen, Querulanten und uneinsichtigen Gesetzeshütern zu kämpfen hat, tragen die Erinnerungen von Kriminalkommissar Roman G. alle Merkmale eines echten Krimis.

„Als wir zur Kieskuhle kamen, war die Stimmung ruhig.“ Auch noch, als Egon A. mit seinem Radlader zum Ort des Geschehens zurückkehrte. Als dieser nach seinen Personalien gefragt wurde, änderte sich die Stimmung nach Angaben des Beamten schlagartig. „Wir waren total überrascht, als er plötzlich wieder in seinen Lader sprang.“ Mit den Worten „dann kippe ich die Karre lieber in den See“ habe er Gas gegeben und sei in den Kleinwagen geknallt. Dabei habe der Angeklagte die Tochter der Halterin, die in der geöffneten Fahrertür stand, eingeklemmt und über Meter mitgeschleift. Der Polizist gab einen Warnschuss, weil er das Leben der heute 31-Jährigen in Gefahr sah. Der Fahrer stoppte kurz ab – eine Gelegenheit, die die Eingeklemmte nutzte, um sich zu befreien und unverletzt in Sicherheit zu bringen. Der Polizeibeamte zeigte sich überzeugt davon, dass der Angeklagte gesehen habe, in welcher bedrohlichen Situation sich die Frau befunden habe.

Die Fahrzeughalterin, der Lebensgefährte und ihre Tochter schilderten das Geschehen im Wesentlichen ähnlich wie der Beamte – auch wenn in ihren Aussagen viele Gedächtnislücken und einige Widersprüche auftauchten.

Die Verhandlung im Schleswiger Amtsgericht wird am 5. November fortgesetzt. Dann wird auch zu klären sein, ob es sich bei der Kieskuhle um einen offenen Verkehrsraum oder ein deutlich gekennzeichnetes Privatgelände handelt, dessen Betreten verboten ist. Davon hängt ab, ob der Angeklagte auch wegen schweren Eingriffs in den Straßenverkehr verurteilt werden kann.

 

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erstellt am 23.Okt.2015 | 07:04 Uhr

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