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Schleswiger Nachrichten

15. Dezember 2017 | 15:28 Uhr

Schleswig : Alte Spritfabrik verschwindet leise

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Werkabbau der ehemaligen Kartoffelverwertungsgesellschaft an der St. Jürgener Straße hat begonnen. Die alten Stahltanks gehen in die Schweiz.

von
erstellt am 22.Okt.2015 | 13:59 Uhr

Die Spritfabrik lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Im Kopf von Herbert Jensen (74) sind immer noch alle Informationen gespeichert und abrufbereit, die mit seiner ehemaligen Arbeitsstätte, der Schleswiger Kartoffelverwertungsgesellschaft, zu tun haben. Die riesige Fabrik soll in diesen Wochen samt Innenleben nach und nach in ihre Einzelteile zerlegt werden – dabei ist das Wissen von Jensen als dem früheren technischen Betriebsleiter Gold wert: „Ohne ihn kämen wir kaum zurecht, denn nur er kennt alle Betriebsfunktionen und weiß, wohin die zahllosen Rohre und Leitungen führen“, sagt Arne Hansen. Der Schleswiger Unternehmer und Inhaber der Klappschau-Einrichtung hatte die im Jahre 2012 still gelegte Spritfabrik aus der Insolvenzmasse erworben und will sie nun abbauen lassen. Das soll in aller Ruhe abgewickelt werden, betont er auf SN-Nachfrage. Etliche Fabrikelemente hätten bereits Abnehmer gefunden – etwa die riesigen Stahltanks für eine Schweizer Schnapsbrennerei. Gestern standen die zerteilten Türme auf dem Fabrikgelände bereit für den Abtransport.

Und wie geht es weiter? Soll an Stelle der Fabrik etwas Neues entstehen? Natürlich habe er einige Ideen, sagt Eigentümer Arne Hansen, aber die seien noch nicht spruchreif. Vorstellen könne er sich beispielsweise, dass sich auf der ausgewiesenen Industriefläche wieder ein produzierendes Gewerbe aus der Lebensmittelbranche ansiedele. „Das hätte den Vorteil, dass dort Arbeitsplätze entstünden“, meint er. Eine Ansiedelung von Handel und Gewerbe wäre auf jeden Fall sinnvoll, auch wegen der Nähe zum St. Jürgener Gewerbegebiet, meint er. Aber auch aus dem Kulturbereich habe er bereits Anfragen erhalten. Arne Hansen will weiterhin Interessenten und Anfragen auf sich zukommen lassen, um dann irgendwann eine Entscheidung über den Verkauf des Betriebsgeländes zu treffen.

Die 1949 gegründete und 1950 in Betrieb genommene Kartoffelverwertungsgesellschaft, die im Volksmund nur Sprit- oder Schnapsfabrik genannt wurde, war die größte gewerbliche Kartoffelbrennerei zur Zeit der alten Bundesrepublik. Sie produzierte ausschließlich Rohschnaps, aus dem dann andere Unternehmen alkoholische Köstlichkeiten bereiteten. Bei Herbert Jensen, der eigentlich vor neun Jahren in den Ruhestand gehen sollte, kommt es dabei wie aus der Pistole geschossen: „200 Tonnen Kartoffeln pro Tag haben wir verarbeitet, sieben Tage die Woche, rund um die Uhr, in drei Schichten.“ Bis heute braucht er nur wenige Stunden Schlaf, um fit zu sein, erzählt er. Auch die vielen Treppen hinauf in die Stahltürme oder hinunter in die dunklen Kartoffelkeller-Gewölbe der Fabrik lassen ihn schlank bleiben.

Herbert Jensen aus Hoheluft ist fast der Letzte seiner Art in der Mitarbeiter-Reihe der Spritfabrik. Doch ausgesprochen gern kommt er offenbar jeden Tag zu seiner Fabrik, um Arne Hansen beim Abbauen unter die Arme zu greifen. „Wer soll es denn sonst machen?“, meint er.

Tatsächlich ist Herbert Jensen quasi das Gedächtnis der Spritfabrik. Denn schriftliche Hinterlassenschaften, Jubiläumshefte oder gar Fotos zur Fabrikgeschichte sind nicht bekannt. Was sehr schade ist, denn für Stadt und Kreis war die Spritfabrik neben der Zuckerfabrik ein bedeutsamer Wirtschaftszweig. „Es war ein eher verschwiegenes Unternehmen“, meint Arne Hansen und mutmaßt: „Vielleicht war das ja im Hinblick auf den Schnaps so. Denn ich weiß, dass in jeder Arbeitsschicht Zollbeamte anwesend waren, die stets ein Auge darauf hatten, welche Alkoholmengen jeweils produziert wurden.“ Vor allem aber auch darauf, in welche Kanäle die dann flossen.

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