Alt sein – und etwas Neues wagen

Findet das Leben der Senioren, über die sie schreibt, spannend: Die 62-Jährige aus Ringsberg mit ihrem Werk „Schön alt“.
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Findet das Leben der Senioren, über die sie schreibt, spannend: Die 62-Jährige aus Ringsberg mit ihrem Werk „Schön alt“.

Die Künstlerin Eva-Maria Mehrgardt hat ein Buch mit den Lebensgeschichten von 13 besonders aktiven Senioren veröffentlicht

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16. Januar 2015, 17:17 Uhr

„Schön alt“, zwei Wörter, die auf den ersten Blick vielleicht nicht unbedingt zueinander passen. Alt zu sein ist natürlich nichts Schlechtes – aber wie wird es schön? Eva-Maria Mehrgardt hat sich intensiv damit beschäftigt, mit Menschen, die alt sind. Die 62-jährige Künstlerin und Meditationslehrerin, die in Flensburg aufwuchs, 25 Jahre in den Niederlanden und einige Jahre in Indien lebte und seit 2002 in Ringsberg wohnt, ist ein offener, neugieriger Mensch, hat viel erlebt. Und sie weiß, dass das auch auf viele andere ältere Menschen zutrifft. Mit 13 Senioren führte sie lange Gespräche. Ihre jeweilige Lebensgeschichte, wie aktiv diese Menschen sind, schrieb sie auf. Daraus entstanden ist „Schön alt – Leben im Alter“.

Eigentlich sollte Mehrgardt im Rahmen ihres Bundesfreiwilligendienstes vor drei Jahren eine Art Bürgerbüro-Hotline für Rat suchende Menschen besetzen, doch das Angebot wurde nicht genutzt. Für ihre Zeit als „Bufdi“ bei einer Stiftung kam somit die Idee, dieses Buch zu schreiben, gerade recht. In ihrem Alter überhaupt ein Jahr als Freiwillige zu arbeiten, passe in ihr Lebensbild, ihre Lebensweise, sagt die Künstlerin, die in Ringsberg eine Galerie betreibt. Ihr Leben war schon immer bunt, sie studierte nicht nur freie Malerei in Kiel sowie tibetische Philosophie und Meditation in den Niederlanden und Indien, sie war auch immer offen für Neues, geht gern auf Menschen zu, interessiert sich für andere Lebensentwürfe. „Ich schnack auch sehr gern auf der Straße.“

Mehrgardt hat schon Essays zu Kunstthemen, Gedichte und mit ihrem Bruder, einem Psychotherapeuten, ein Buch über das Selbst veröffentlicht, sagt aber: „Das war viel zu trocken, zu wissenschaftlich. Dieses Buch musste einfacher, lockerer sein.“ Was sie zu „Schön alt“ anregte? „Ich habe in meinem Leben viel Zeit außerhalb der Gesellschaft verbracht“, erzählt sie. Drei Monate zum Beispiel war sie allein auf einem Berg in Indien, in Meditation. „Das fiel mir total leicht.“ Dann sei sie wieder in ein Dorf gezogen, nach Ringsberg, „und ich war schockiert über die Vereinsamung einiger Menschen“. Viele Ältere, die zu Hause säßen, hätten ein ereignisreiches Leben hinter sich, sagt sie, scheuten es aber, etwas Neues zu beginnen.

Die Arbeit mit den Senioren, die in ihrem Buch vorkommen, fand Mehrgardt „sehr spannend“. Rückmeldungen würden zeigen, dass es vor allem die 13 Lebensgeschichten sind, die „richtig gut“ ankommen. Ergänzt hat sie das Werk um ihre Gedanken zum heutigen Leben, über das Glück, Meditation, was Farben bewirken können sowie Tipps zum Internet oder Netzwerken für die ältere Generation. Außerdem gibt es zwei Gastbeiträge von Ekkehard Krüger, dem Vorsitzenden des Flensburger Seniorenbeirats, der zudem einer der 13 vorgestellten Senioren ist.

Viele der Interviewten kommen aus der Region, mehrere aus dem Kreisgebiet. Mit zwei Damen telefonierte Mehrgardt, weil diese weit weg leben, zwei wollten ihren richtigen Namen nicht im Buch wiederfinden. Die Altersspanne reicht von 55 bis 95. Der Jüngste ist somit kein Senior, lebt aber in einem Seniorenheim bei Flensburg, weil er seit einem Autounfall schwerbehindert ist. „Die Menschen in dem Buch machen nach ihrer beruflichen Laufbahn ganz außergewöhnliche Dinge“, so die Künstlerin. „Weil sie den Mut dazu hatten. Da denke ich oft: Wow, was für eine Person.“

Der 90-jährige Willi Riep aus Flensburg zum Beispiel hat sich mit 85 noch digitale Bildbearbeitung beigebracht, den Keller füllt seine Druckgrafik-Sammlung, im Wohnzimmer stapeln sich Bücher, Zeitungen und Nachschlagewerke, er fotografiert gern und ist sehr an Naturschutz interessiert. Mehrgardt: „Willi sammelt Wissen.“ Oder Gertrud Kriener (86) aus Mülheim an der Ruhr, die Puppen für die Kinder in einer Dialyse-Station näht, Englisch lernt und sich stets neue Projekte ausdenkt, mit denen sie anderen helfen kann. Viele Senioren aber trauten sich nicht, derartige Wege einzuschlagen, sagt Mehrgardt. „Oft hat man ganz viel vor, fängt aber nichts davon an. Man muss sich eben langsam herantasten“ – wie in der Kunst. „Man kann doch seine Gedanken erstmal aufkritzeln, und wenn man sich nur sagt: Ich mach jetzt mal ein bisschen Unsinn.“ Mehrgardt denkt aber auch, dass neben aufgelösten Familienstrukturen oft die mangelnde Infrastruktur in den Dörfern ein Grund ist, warum ältere Menschen nicht aktiv sind. „Ein Fernseher vertreibt die Einsamkeit jedenfalls nicht.“

„Schön alt“ soll Senioren zu mehr Aktivität ermutigen, richtet sich aber auch an junge Menschen, die laut Mehrgardt viel von Älteren lernen könnten. Sie selbst fühle sich jetzt besser als in jüngeren Jahren, auch körperlich, „man entwickelt sich, ist nicht mehr so durcheinander“. Aber: „Ich mache trotzdem noch verrückte Sachen – das macht irre Spaß, und ich glaube, es macht glücklicher“. 




>Das Buch „Schön alt – Leben im Alter“, 140 Seiten, 10,99 Euro, ist über Amazon und den Buchhandel erhältlich; weitere Infos: www.bilwiz.info.




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