Meyerhoff-Lesung : Als Stoltenberg im Matsch lag

In der ausverkauften Buchhandlung: Joachim Meyerhoffs Mutter Susanne. Foto: oje
In der ausverkauften Buchhandlung: Joachim Meyerhoffs Mutter Susanne. Foto: oje

"Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war": Susanne Meyerhoff las in der Buchhandlung Liesegang aus dem Roman ihres Sohnes Joachim

shz.de von
07. März 2013, 03:59 Uhr

Schleswig | 150 Stühle hatten die Mitarbeiter der Buchhandlung Liesegang am Dienstagabend nach Ladenschluss im Geschäft aufgestellt. Eine halbe Stunde später waren alle besetzt. Nur ein älterer Herr mit roter Fliege hatte keinen Sitzplatz. Er stand im Gang und beobachtete das Treiben mit aufmerksamen Blicken.

Es war Peter Liesegang, der Seniorchef der Buchhandlung. Er hatte die Idee, Susanne Meyerhoff zu fragen, ob sie nicht aus dem neuen Roman ihres Sohnes lesen wolle. Der nämlich möchte selbst nicht in Schleswig auftreten, obwohl das Buch mit dem Titel "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war", hier spielt. "Es ist ihm wohl alles zu nah", meinte seine Mutter. So ließ sie sich als seine Vertreterin in die Pflicht nehmen. Das Publikum nahm dankbar an: "Wir hätten problemlos doppelt so viele Karten verkaufen können", sagte Liesegang.

Was die Schleswiger an dem Buch so brennend interessiert, das ist nicht nur der Autor, heute ein gefeierter Burgschauspieler in Wien, der hier aufgewachsen ist und nun von seiner Jugend erzählt. Im Buch geht es auch um seinen Vater, den 1993 verstorbenen Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Landeskrankenhaus.

Professor Hermann Meyerhoff gehörte zur lokalen Prominenz. Zwischen den Bücherregalen bei Liesegang saßen etliche seiner früheren Mitarbeiter und auch einige Patienten. Im Buch beschreibt Joachim Meyerhoff den sonst so souveränen Klinikchef als einen Mann, der unbeholfen durch seinen privaten Alltag stolpert.

Susanne Meyerhoff hatte Passagen ausgewählt, in denen diese Seite ihres Mannes allenfalls andeutungsweise durchklingt. Sie las das Einstiegskapitel, in dem Joachim beschreibt, wie er als Siebenjähriger am Wegesrand einen toten Rentner entdeckt, davon später seinen Freunden erzählt und das Erlebte immer weiter ausschmückt, bis er bemerkt, dass er ein scheinbar erfundenes Detail - einen goldenen Ehering am Finger der Leiche - tatsächlich gesehen hatte. "Erfinden heißt Erinnern", schließt Joachim Meyerhoff. Ein programmatischer Satz auch für die Episode, die seine Mutter danach vortrug: "Der große Klare aus dem Norden." So genau wusste wohl keiner der Zuhörer, was Dichtung war und was Wahrheit in der Geschichte von Ministerpräsident Dr. Gerhard Stoltenberg, den seine Leibwächter vor dem gerade eingeweihten Klinikgebäude in den Matsch warfen, weil ein Patient mit Plastikpistole gerufen hatte: "Hände hoch oder ich schieße."

Susanne Meyerhoff, frisch gebräunt vom Teneriffa-Urlaub zurückgekehrt, trug das alles mit ruhiger, klarer Stimme vor. An manchen urkomischen Stellen konnte sie ihr Lachen nur mühsam unterdrücken. "Ihr Sohn hätte es kaum besser lesen können", charmierte Peter Liesegang. Mutter Meyerhoff bestritt das energisch. Wer den Vergleich ziehen möchte, hat dazu in neun Tagen Gelegenheit. Joachim Meyerhoff mag zwar nicht in Schleswig auftreten, aber er nähert sich seiner Heimatstadt immerhin auf gut hundert Kilometer. Am Sonnabend, 16. März, ab 20 Uhr liest er im "Thalia in der Gaußstraße" in Hamburg-Altona.

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