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Axel Prahl in Schleswig : Als Kommissar Thiel noch Punker war

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Dem Publikum des Schleswiger Theaters sind viele Mimen aus den 80er und 90er Jahren noch heute gut im Gedächtnis – einer von ihnen brachte es im „Tatort“ zu höchsten Fernseh-Weihen.

shz.de von
erstellt am 27.Mai.2014 | 16:10 Uhr

Von den drei Intendanten, die wir erlebt haben, hat Generalintendant Horst Mesalla die wenigsten Kündigungen ausgesprochen, und entgegen seiner sonst so bestimmenden Natur konnte er mit seinen Schauspielern geradezu sanft umgehen.

Das gelungene Vorsprechen ist in aller Regel die Voraussetzung für ein Engagement. „Verhaut“ es einer, ist er erledigt. Zwei seiner beliebtesten Schauspieler wären, hätte Mesalla sich nur nach ihrem Vortrag gerichtet, wohl nie ans Landestheater gekommen. „Im Jahre 1988“, erinnert sich Franz Kratochwil, „war Mesalla mit seinem Operndirektor, Sundermann, in Wien unterwegs. Man suchte einen Sänger und einen Schauspieler mit Gewicht. Außerdem sollte dieser den Wiener Dialekt beherrschen. Die Schauspielergewerkschaft hatte mich vorgeschlagen. Beim Vorsprechen war ich sauschlecht; es war so schlimm, dass ich dachte, na, egal, die werden dich sowieso nicht nehmen. Dabei hatte ich den betreffenden Monolog zuvor Dutzende Male gesprochen. Aber zu meiner Überraschung erhielt ich eine Vertragszusage und kam im Sommer 1989 nach Schleswig.“

Mesalla hatte sich mit Kratochwil ein Original eingehandelt. Eine der ersten Rollen Kratochwils war der „Frosch“ in der „Fledermaus“. Der Wiener schloss sich eng an einen Berliner an, den unvergessenen Kammerschauspieler Gerd Danzmayr. Auch dieser hatte sein Vorsprechen verpatzt. „Danzmayr war ein Nervenbündel. Ich lud ihn ein, sich zu mir zu setzen. Wir sprachen lange über das Theater. Dabei wurde Danzmayr vollkommen ruhig, ging zurück auf die Bühne und machte seine Sache gut.“

Gewiss, Schauspieler mit großen Namen setzten dem Spielplan Glanzlichter auf, aber zu den ganz großen Erfolgen bedurfte es ihrer nicht unbedingt. Mit glücklicher Hand und einem sehr guten Ensemble brachte Horst Mesalla wahre „Kracher“ auf die Bühne.

Rainer Schmeckthal, Flensburger, den der Intendant im Januar 1988 als Verwaltungsdirektor nach Schleswig berief, lacht noch immer das Herz, wenn er daran denkt, „wie gut der Laden lief“. Zum Beispiel mit „Linie 1“, einem frechen Musical aus Berlin. Schmeckthal: „Dazu gehörte Mut. Schließlich ist Schleswig nicht Berlin und hat keine S-Bahn. Aber dieses Musical wurde ein Riesenerfolg. Zwanzig Vorstellungen waren geplant. Es wurden sechzig! Kiel übrigens hat das Ding vergeigt. Man muss die Inszenierung von Volker Ludwigs „Grips“-Theater in Berlin eins zu eins übernehmen.“

Regisseur Klaus Hoser hat das getan – und sein Erfolg war auch der Erfolg der Schauspieler. In tragenden Rollen waren zu sehen: Axel Prahl, der heutige Tatort-Kommissar, Gerd Danzmayr und Jürgen Böhm. Mit Böhms Namen ist eine köstliche Story verbunden. Am Premierenabend wurde er überraschend krank, sodass man sich entschließen musste, das Publikum nach Hause zu schicken. Wer hätte in dieser Not geahnt, dass ein Berliner Mime, Dieter Landuris sein Name, unter den Zuschauern saß, der dieselbe Rolle wie Böhm bei der Uraufführung im „Grips“-Theater gespielt hatte. „Gebt mir ein Kostüm und eine Viertelstunde Zeit!“ rief er und stürmte hinter die Bühne. Er rettete den Abend und erhielt Standing Ovations.

„Als wir bald darauf die Rocky-Horror-Show auf die Bühne brachten“, erinnert sich Rainer Schmeckthal, „hatten wir den nächsten Kassenschlager. Die Leute standen anfangs sogar Schlange, und viele erhielten keine Karten mehr. Unter den Enttäuschten war ein 80-jähriger Mann.“ Offenbar hetzte ihn ein Spaßvogel auf den Verwaltungsleiter; denn der Greis stürmte die Treppe hinauf zu dessen Büro, pochte mit seinem Stock gegen die Tür und brüllte: „Komm raus, und gib mir eine Karte, oder ich hau Dir auf die Fresse.“

Ganz oben auf der „ewigen“ Erfolgsliste standen weitere Bühnenwerke, wie „Piaf“ mit Dorina Pascu in der Hauptrolle, „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber (1992) mit Axel Prahl als „Herodes“ und „Geschichte eines Pferdes“ (1994), ein russisches Musical nach Leo Tolstoj mit Sabine Schmidt-Kirchner, Gerd Danzmayr und Axel Kaufmann in tragenden Rollen. All diese Stücke waren großartige Bewährungsproben mit unterschiedlichen Aufgaben für den Leiter der Schauspielmusik, Arthur Weinbrenner – einem Ungarn, der sich im Dienst wie ein Preuße fühlte. Seine Strenge bei den Proben waren bei jenen gefürchtet, die nicht pünktlich waren, nicht präzise musizierten und sangen.

Mit seiner Ausbildung als Pianist, Chorleiter und Dirigent war er 1990 die ideale Wahl für den Job, jung und offen genug für neue Herausforderungen. Er war ein Musiker, der ebenso überzeugend rockte wie im Stil eines Oscar Peterson jazzte. Im übrigen war er während der langen Busreisen zu den entfernten Spielstätten des Landes als Skatspieler gefragt.

Horst Mesalla und Rainer Schmeckthal hatten auch ein Herz für den Jazz. Sie ermöglichten dem Autor dieses Beitrages auf der Schleswiger Bühne Konzerte mit Harry „Sweets“ Edison, dem Trompeter von Count Basie und Frank Sinatra, mit Hazy Osterwald und dem kürzlich verstorbenen Paul Kuhn, der nach einer Begegnung mit dem Generalintendanten despektierlich sagte: „Mann, der trägt ja Klamotten wie ich, als ich noch Tanzkapellen leitete.“ Der Spruch bezog sich auf das Outfit des Chefs: rote Jacke, weiße Hose, weiße Schuhe.

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