Taarstedt : Als die „Sozis“ kamen

Blättern in Erinnerungen: Armin Eggert (v.li.), Bärbel Meyhoff, Ulrike Eggert und Claus Meyhoff.
Foto:
Blättern in Erinnerungen: Armin Eggert (v.li.), Bärbel Meyhoff, Ulrike Eggert und Claus Meyhoff.

Der SPD-Ortsverein Taarstedt feiert sein 40-jähriges Jubiläum und erinnert an die Anfänge seiner politischen Arbeit.

shz.de von
16. April 2018, 12:04 Uhr

Das hatte die Gemeinde Taarstedt in ihrer langen Geschichte noch niemals zuvor erlebt: ‟„Sozis“ im Gemeinderat. Es ist der Mai 1978, als erstmals zwei SPD-Vertreter ins Gemeindeparlament einziehen – Armin Eggert und Claus Meyhoff. Die beiden wollen sozialdemokratische Ansichten einbringen und sitzen dort sieben CDU-Abgesandten sowie zwei Vertretern der Kommunalen Wählergruppe gegenüber.

Wie die Stimmung war in dem Gremium damals? „Na ja“, sagt Armin Eggert, „man reagierte einigermaßen reserviert, teilweise sogar frostig, wenn wir mit unseren Vorschlägen und Anträgen kamen.“ Heute kann der 74-Jährige darüber lachen und sich gemeinsam mit seinen alten Weggefährten freuen über die lange politische Standfestigkeit: 40 Jahre SPD-Ortsverein in der Gemeinde Taarstedt, zu der die Ortsteile Westerakeby und Scholderup gehören – dieses Jubiläum soll gefeiert werden am Sonnabend, 21. April, ab 15 Uhr. Dazu ist jedermann eingeladen zum Grillfest in der Taarstedter Brauerei an der Hauptstraße. SPD-Kreistags-Fraktionsvorsitzender Ingo Degner will auch kommen und den vier Gründungsmitgliedern Urkunden überreichen.

Die vier, das sind Ulrike und Armin Eggert sowie Bärbel und Claus Meyhoff. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichten sie von den vergangenen Jahrzehnten, vor ihnen liegen auf dem Tisch alte SN-Zeitungsausschnitte und Fotos. Auf einem ist Egon Bahr zu sehen, wie er 1980 dem kleinen Ortsverein einen Besuch abstattet.

Eine kleine Rückblende auf die „SPD-Gründerjahre“ in der Region: Es ist die Zeit der großen politischen Umwälzungen im ganzen Land – ausgelöst durch heftige Studentenunruhen der 68er-Generation. Es ist auch die Zeit, in der etliche Terrorakte durch die sogenannte RAF (Rote Armee Fraktion) für Schrecken sorgen. In Bonn regiert, nach Willy Brandt, seit 1974 der SPD-Frontmann Helmut Schmidt. Und in jenen Jahren passiert es im ganzen Kreisgebiet, dass in vielen Gemeinderäten, die fast durchgängig in CDU-Hand liegen, nun auch SPD-Vertreter mitmischen. Denn viele ‟„Zugezogene“ aus der Stadt fordern ebenfalls ein Mitspracherecht bei kommunalen Angelegenheiten, darunter natürlich auch SPD-Gesinnte.

Zwar existiert die „alte Tante SPD“ da schon seit weit über 100 Jahren, doch den generellen Einzug in Gemeindeparlamente schafft sie auf dem Land tatsächlich erst ab Mitte der 1970er Jahre. Um das gesellschaftliche Klima von damals zu skizzieren – dazu passt auch eine Erinnerung von Uwe Jensen aus Stexwig, Jurist und früherer SPD-Landtagsabgeordneter: Ihm, der 1975 mit seiner kleinen Familie eine Wohnung in einem Dorf in Angeln mieten wollte, die von der dortigen Gemeinde verwaltet wurde, beschied man eine Absage. Und die Begründung lautete: Man wolle im Dorf „lieber keine Unruhestifter“ haben.

Die Unruhestifter – ein damals von Einheimischen nicht selten benutztes Etikett, das SPD-Vertretern angeheftet wurde.

Als Armin Eggert 1974 nach Taarstedt kam, wo er, von Beruf Sozialpädagoge, gemeinsam mit Ehefrau Ulrike eine Jugendeinrichtung betrieb, suchte er gleich Mitstreiter, um einen SPD-Ortsverein gründen zu können. Neben seiner Frau fand er in seinen Nachbarn Bärbel und Claus Meyhoff Gleichgesinnte. „Wir vier sind bis heute der harte Kern der SPD hier geblieben“, sagen sie.

Aktuell stützt sich der SPD-Ortsverein auf 14 Mitglieder. Vorsitzender ist der Ingenieur Thomas Hartwig (52), Gemeinderatsmitglied und Gemeindewehrführer in Taarstedt. Gerade freut er sich darüber, wie er sagt, „dass wir auch einen Juso dabei haben“, nämlich den 19-jährigen Niklas Kissner. Zu den Themen, mit denen das SPD-Team zur Kommunalwahl antreten will, gehören unter anderen die Sicherstellung der Kita für unter Dreijährige oder auch die Schaffung einer Tankstelle für Elektroautos im Dorf.

Die Themen von damals, die die SPD bewegten, seien fast regelmäßig „abgeschmettert“ worden, erzählen Eggert und Meyhoff schmunzelnd. „Antrag abgelehnt, hieß es dann, 9:2 gegen uns.“ Welche Art Anträge das waren? Eggert: „Wir wollten zum Beispiel bürgerliche Mitglieder in Ausschüsse bringen, oder wir wollten Protokolle aus Gemeinderatssitzungen öffentlich machen, oder wir wollten einen Umweltausschuss einrichten.“ Claus Meyhoff ergänzt: „Das wurde uns zwar erst abgelehnt, aber vier bis fünf Jahre später kam es dann ohnehin so.“

Jedoch trotz aller politischen Meinungsunterschiede im Gemeinderat: „Einen Einfluss auf unser Zusammenleben im Dorf hat das nie gehabt“, meinen Bärbel Meyhoff und Ulrike Eggert rückblickend. Man habe immer eine gegenseitige Toleranz gespürt– „und das macht das Leben sehr angenehm hier.“

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen