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Erzieher-Ausbildung : "Alle sagen: Nicht aufgeben"

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Der Staat braucht Erzieherinnen wie Melanie Klinger - aber zahlt ihr während der Ausbildung weder Hartz IV noch Bafög

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2013 | 04:59 Uhr

Schleswig | Ein Jahr ist es her, da schlug Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen vor, die Mitarbeiterinnen der insolventen Drogerie-Kette Schlecker zu Erzieherinnen umzuschulen. Schließlich suchen die vielen neuen Krippen und Kindergärten händeringend nach Personal. Ein Jahr ist es auch her, dass Melanie Klinger an der Erzieherfachschule des Schleswiger Berufsbildungszentrums ihre Ausbildung begann. Die damals 42-Jährige hatte zwar vorher nicht bei Schlecker gearbeitet, aber ihre Lage war ganz ähnlich wie die der zahlreichen arbeitslos gewordenen Verkäuferinnen. Seitdem hat sie gemerkt, dass alles nicht so einfach ist, wie die Ministerin in Berlin es sich vorgestellt haben mag - und das liegt an den Berliner Gesetzen.

Vor einem Jahr stand Melanie Klinger vor einem Neuanfang. Ihre Ehe war zerbrochen. Sie musste nun selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. Eine Zeit lang ging sie putzen. Eine Berufsausbildung hatte sie nicht. Nach dem Abitur hatte sie zunächst eine Weile im Baugeschäft ihres Vaters mitgearbeitet und dann ein Architekturstudium an der Eckernförder Außenstelle der Fachhochschule Kiel begonnen. Das Studium brach sie vor zehn Jahren ab, um sich um ihre beiden Kinder zu kümmern. Schon zu jener Zeit dachte sie darüber nach, eine Erzieher-Ausbildung zu beginnen.

Als sie im vergangenen Jahr einen Platz am BBZ bekam, war sie zuversichtlich. Ihre Noten waren von Anfang an gut, aber schnell merkte sie, dass es ein Problem gab. Das Geld. Weil sie eine Ausbildung macht, gibt es kein Hartz IV. Auszubildende bekommen Bafög. Aber nicht Melanie Klinger. Wegen ihres abgebrochenen Studiums hat sie ihr Recht auf Bafög verwirkt.

"Das ist kein Einzelfall", sagt Olaf Fuhrmann, Schulsozialarbeiter am BBZ. Er hatte allein in diesem Jahr schon mit fünf ähnlich gelagerten Fällen zu tun. "Und die Dunkelziffer ist sicherlich höher, weil sich nicht jeder an den Schulsozialarbeiter wendet."

Ein junger Mann in Melanie Klingers Klasse hat seine Ausbildung inzwischen abgebrochen. "Der hatte irgendwann nichts mehr zu essen." Jetzt macht er eine Lehre in der Systemgastronomie. Anders als in der Erzieherausbildung gibt es dort ein - wenn auch karges - Lehrlingsgehalt.

Melanie Klinger aber hat beschlossen, auf jeden Fall durchzuhalten. "Alle sagen mir, dass ich nicht aufgeben soll." Fast jeden Tag nach Schulschluss gibt sie Nachhilfeunterricht. An den Wochenenden jobbt sie an einer Tankstelle. "Ich kann ja verstehen, dass es gesetzliche Vorschriften gibt, die verhindern, dass jemand den Sozialstaat missbraucht", sagt sie, "aber das trifft doch auf mich nicht zu!" Als sie sich vor kurzem von ihrem neuen Lebensgefährten trennte, war sie auch noch obdachlos. Im Moment wohnt sie bei Freunden im Gästezimmer. "Aber das kann ja kein Dauerzustand sein." Ihre Kinder sieht sie an jedem zweiten Wochenende. Sie leben beim Vater. "Dort sind sie besser aufgehoben", sagt sie.

Olaf Fuhrmann hat sich an die Landtagsabgeordneten aller Fraktionen und an die Bürgerbeauftragte des Landes gewandt. An der Rechtslage können sie alle nichts ändern. Die letzte Hoffnung ist jetzt eine private Stiftung, die Menschen in Notlagen hilft und der Fuhrmann den Fall geschildert hat. Eine Antwort steht noch aus.

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