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Gottorfer Forscherin : Alexandra Pesch auf der Spur der goldenen Halskragen

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Archäologen auf Schloss Gottorf beschäftigen sich mit viel mehr als nur Haithabu. Im Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) erforscht Dr. Alexandra Pesch das Geheimnis hinter den berühmtesten skandinavischen Archäologie-Funden.

shz.de von
erstellt am 10.Dez.2013 | 17:00 Uhr

Sie gehören zu den kostbarsten Spitzenprodukten des frühmittelalterlichen Schmiedehandwerks in Europa. Sie tragen zur selbstbewussten Identität Schwedens bei und sind Teil des Stockholmer Staatsschatzes. Und doch sind viele Fragen ihrer Herstellung und Funktion immer noch völlig ungeklärt: die drei Goldhalskragen aus den schwedischen Orten Ålleberg, Färjestaden und Möne.

Jetzt hat sich eine Schleswiger Forscherin darangemacht, das Geheimnis dieser singulären Kunstwerke zu klären. Es ist Dr. Alexandra Pesch vom Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA), einem Wissenschaftler-Pool unter dem Dach der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf. In Kooperation mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz und Spezialisten in Stockholm sollen die Goldhalskragen Aufschluss geben über Können und Denken, über Religion, Gesellschaft und Politik im fünften Jahrhundert – als das Römische Reich unterging und germanische Stämme erstarkten.

Pesch, die seit 2009 (ein Jahr nach Gründung des ZBSA) auf Gottorf arbeitet, ist Sprecherin des Forschungs-Clusters „Mensch und Artefakt“, in dem 20 Projekte betreut werden. Sie alle richten sich auf die Nord- und besonders die Ostsee-Länder als bis heute „eigenständigen und zusammengehörigen Kommunikationsraum“. Und immer geht es darum, die „Erforschung technologischer Standards auch als Schlüssel zum Verständnis einer Gesellschaft“ zu nutzen.

Alexandra Pesch tut das mit erkennbarer Leidenschaft. Ihre Forscherstube erreicht man über den Dachboden des Schlosses. Doch so sachte und achtsam sie formuliert, so dezidiert spürt man ihr Interesse an diesen bereits im 19. Jahrhundert gefundenen und seit damals so bezeichneten „Kragen“. In einem Werk von rund 600 Seiten hat sie sich dazu ausgelassen, es ist ihre Habilitationsschrift. Sie will den Code, der in dem extrem kleinteiligen Geschmeide steckt, knacken!

Am in Stockholm wohl verwahrten Original hat sie schon gearbeitet; doch auch die von den Mainzer Kollegen kunstvoll hergestellten Repliken sind hilfreich für ihre Erkenntnisse. So konnte sie zusammen mit der Expertin Dr. Barbara Armbruster aus Toulouse/Frankreich herausfinden, dass Gussformen bei der Herstellung eine wesentliche Rolle spielten. Dieser Umstand macht das Produkt mit seinen miniaturisierten Gestalten, Tieren, Mischwesen, Menschenfiguren, nur noch wundersamer.

Manche Bestandteile des Bilderkanons sind allerdings auch relativ leicht zu dechiffrieren, denn die gehören sozusagen zum ikonografischen „Kleinen Einmaleins“. Pesch weiß: „Ein Schwein steht immer für Stärke und ein Drache soll Schutz gewährleisten.“ Diese Koppelung zwischen konkreter Figur und deren abstrakter Bedeutung weist auf die Funktion der Goldhalskragen als Machtsymbol hin, mutmaßlich verbunden mit einer kultisch-rituellen Aufgabe.

Pesch sieht Verbindungen zu den vielfach aufgefundenen, als „Goldbrakteaten“ bezeichneten Medaillons, ebenfalls einer Hinterlassenschaft der weitgehend schriftlosen Kulturen der Völkerwanderungszeit. Und auch für die Forschung an den Goldbrakteaten ist Pesch im ZBSA zuständig. Doch mancherlei dürfte selbst für die ambitionierte Wissenschaftlerin ungeklärt bleiben, was unter anderem damit zusammenhängt, dass die Fundorte seinerzeit nicht genau untersucht wurden.

Immerhin entgingen die Goldhalskragen dem Schicksal eines anderen skandinavischen Sensationsfundes aus der Völkerwanderungszeit. 1639 und 1734 hatte man in Gallehus bei Tondern zwei goldene Trink- oder Blashörner ausgegraben, die zu den berühmtesten archäologischen Artefakten Dänemarks zählen. Doch dann dies: 1802 wurden sie gestohlen und eingeschmolzen; heute sind nur noch Repliken vorhanden.

Die originalen Goldhalskragen dagegen stehen seit mehr als 150 Jahren im Fokus der archäologischen Forschung. Ein Konsens über Funktion und Bedeutung der rätselhaften Objekte war bisher nicht in Sicht. Das könnte sich mit der Arbeit von Alexandra Pesch ändern.

 

 

 

 

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