Kreis Schleswig-Flensburg : Alarmstufe Rot in den Kitas

Fachkräftemangel:  Die Personaldecke in den Kitas ist dünn – und Besserung nicht in Sicht.
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Fachkräftemangel: Die Personaldecke in den Kitas ist dünn – und Besserung nicht in Sicht.

Der Personalmangel zieht eine Kette von Problemen mit sich: Wenn Erzieher krank werden, werden die Kinder wieder nach Hause geschickt. Das wiederum kann für Unternehmen mit jungen Eltern zum Problem werden.

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22. Januar 2018, 13:17 Uhr

Schuby | Eigentlich sollte es ein Morgen wie jeder andere sein. Die fünfjährige Lisa (Name von der Redaktion geändert) hatte in der Kindertagesstätte Schuby gerade ihren Mantel an die Garderobe gehängt, als die Kita-Leiterin auf ihre Mutter zuging. „Sie müssen ihr Kind wieder mitnehmen. Wir haben nicht genug Personal für die Betreuung“, wurde der Frau mitgeteilt. Die Mutter musste dringend zur Arbeit, jemand anders stand für die Betreuung für das Kind nicht zur Verfügung – und es war auch nicht das erste Mal, dass die Kita wegen Personalmangels eine Gruppe schloss. Und so gab ein Wort das andere, es wurde laut – aber schließlich rückte die Mutter mit ihrer Tochter grollend ab. „Ich bin immer noch wütend“, sagte sie später, „ich will eine verlässliche Betreuung, dafür zahle ich schließlich. Was ist nur los in unserer Kita?“

Die Antwort darauf weiß Gerd Nielsen, der Leiter des evangelischen Kindertagesstättenwerks in Flensburg. Die Einrichtung des Kirchenkreises ist mit 47 Kindergärten im Kreisgebiet und der Stadt Flensburg der größte Träger. „Wir haben zurzeit in Schuby und Hürup eine dramatische Situation, für die wir nicht verantwortlich sind. Wenn in den Kindergärten im Kreisgebiet jemand krank wird, können wir das personell nicht auffangen. Und daran wird sich in den nächsten Jahren auch nichts ändern.“

Den Grund dafür sieht der Kindergarten-Manager weniger in knappen finanziellen Mitteln als am leergefegten Arbeitsmarkt für Erzieher und Sozialpädagogische Assistenten. „Es gibt niemanden, den ich einstellen könnte“, sagt Nielsen.

Der Fachkräftemangel hat nach Aussage von Nielsen Gründe: „Da ist zunächst der vehemente Ausbau die Kindertagesstätten. Es gibt Neubauten, immer wieder zusätzliche Gruppen und Ausweitungen der Betreuungszeiten – und immer wird mehr Personal benötigt. Vor acht Jahren hatten wir bei annähernd gleicher Zahl von Kitas 400 Stellen – jetzt sind es 850“, verdeutlicht Nielsen.

Zu schaffen macht den Kindergärten im Kreisgebiet auch die Konkurrenz mit der Stadt Flensburg, die für ihre „Qualitätsoffensive“ Millionen investiert, noch einmal mehrere hundert Plätze schaffen will, und die Gruppen mit drei Erziehern ausstattet. „Fällt dort jemand wegen Krankheit aus, geht der Betrieb problemlos weiter. Geschieht das im Kreisgebiet, wo mit 1,5 Stellen pro Gruppe auf Kante geplant wird, müssen Kinder notfalls nach Hause geschickt werden“, sagt Nielsen. Die Entscheidung darüber muss die Kita-Leitung treffen – und sie muss sich auch mit den aufgebrachten Eltern auseinandersetzen, die eine verlässliche Betreuung verlangen. „Die streben wir an“, sagt Nielsen, „garantieren können wir sie aber nicht.“ Nachdem es in den vergangenen Tagen zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kita-Leitungen gekommen war, verfasste Nielsen einen Elternbrief, um die Probleme zu erklären.

Darin ist von Fachkräftemangel, einem von der Politik vorgegebenen, sehr knappen Personalschlüssel und Krankheiten die Rede. „Weder unser Personal noch wir als Kita-Träger haben diese Situation herbeigeführt oder gar zu verantworten“, heißt es darin. Und zum Schluss die Aufforderung an die Eltern, die Sachgründe zu berücksichtigen, ehe „eine angespannte Situation in der Kita zu eskalieren droht“.

Eine Hoffnung auf Besserung ist in dem Brief nicht einmal ansatzweise zu finden. Ist das so etwas wie eine Bankrotterklärung? „Die Situation wird sich in der Tat in den nächsten Jahren wohl nicht ändern“, bekennt Nielsen. Und das Kitawerk sei im Kreisgebiet mit den Problemen nicht allein. „Das gilt auch für andere Träger“, sagt er, „wird sind uns bei den Treffen einig, dass es ein Ritt am Abgrund ist.“

Allerdings habe er den Brief bewusst platziert, um in der Politik eine neue Diskussion anzustoßen. Seine Lösungsvorschläge, das weiß Nielsen genau, können bestenfalls in ferner Zukunft wirken, weil sie langwierige politische Entscheidungen voraussetzen: Schluss mit dem Ausbau von Kitas, einen neue berufsbegleitende Ausbildung und die Zulassung von Betreuungspersonal unterhalb der sozialpädagogischen Assistenten.

Kurzfristig, so Nielsen, könnten auch die Kommunen mit mehr Geld helfen, indem sie eine Puffer-Stelle in ihren Kitas finanzieren. „Die eine oder andere Fachkraft wäre dafür zu bekommen“, glaubt er. Aber ob die Kommunen das Geld ausgeben wollen? „Schwierig, aber in Medelby hat es nach anderthalb Jahren geklappt.

Und was sagt Nielsen den Eltern, deren Kinder wohl auch in Zukunft abgewiesen werden, wenn in ihrer Kita Personal ausfällt? „Krankheitsfälle sind höhere Gewalt. Wir können nichts dagegen tun.“

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