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Schleswiger Nachrichten

24. August 2017 | 11:27 Uhr

Abitur trotz Hörschädigung

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Kooperation von Berufsbildungszentrum Schleswig und Landesförderzentrum Hören und Kommunikation: Erste Absolventen berichten

Fachhochschulreife oder Abitur trotz Hörschädigung? Für viele Schüler ist das ein ausgesprochen beschwerlicher Weg. Denn in Deutschland gibt es lediglich in Essen ein Internat mit Oberstufe, an dem das möglich ist. Um den Weg zum Schulabschluss in der Region zu erleichtern, haben das Berufsbildungszentrum Schleswig und das Landesförderzentrum Hören und Kommunikation (LFZ HuK) vor drei Jahren ein Kooperationsprojekt gestartet, das jetzt Ergebnisse bringt: Zum ersten Mal haben mit Jenny Brandt und Rathan Manoharan zwei junge Hörgeschädigte mit der Hochschul- beziehungsweise Fachhochschulreife das Berufliche Gymnasium des BBZ Schleswig verlassen. Ihre Erfahrungen zeigen, wie Inklusion in der Schule gelingen kann.

Als die beiden gehörlosen beziehungsweise hochgradig schwerhörigen Schüler mit drei weiteren hörgeschädigten Schülern im Jahr 2014 ihren Klassenraum (17w1) am BBZ betraten, waren bereits Vorbereitungen getroffen worden. Für das Experiment „Kooperationsklasse“ war die Klassengröße reduziert worden. Zudem standen den Lehrkräften eine Betreuung durch das Landesförderzentrum und ein Hörgeschädigtenpädagoge als Sportlehrer zur Seite. Im Klassenraum wurde für den Unterricht eine Akustikanlage installiert. Zu dieser gehört auch ein Mikrofon, das die Lehrkräfte um den Hals tragen und das das Gesprochene an Lautsprecher im Klassenraum und auf die Hörgeräte der beeinträchtigten Schüler überträgt. Die Anlage war zunächst vom Landesförderzentrum ausgeliehen, nach einem Jahr hat sich das BBZ selbst Anlagen im Wert von 17  000 Euro beschafft.

Jenny erzählt nun ganz offen, dass sie in den ersten Wochen abbrechen wollte; nicht wegen der hohen Anforderungen, sondern weil das Profil der Kooperationsklasse mit Mathematik und Wirtschaft so gar nicht ihren Vorstellungen entsprach. Aber zum Schluss habe Wirtschaft sogar ihr Interesse geweckt und sie sich „so gut wie möglich bis zum Ende durchgebissen“. Rathan wird sich vor allem an eine „sehr humorvolle“ Klasse erinnern, die seine Hörschädigung „sehr schnell wahrgenommen“ und sich dafür eingesetzt habe, ihn zu unterstützen.

„Am Anfang war es ein bisschen schwer für meine Mitschüler, sich so anzupassen, dass wir, die Hörgeschädigten, es etwas besser haben“, so Rathan. Schnell waren sie aber „wirklich hilfsbereit“, sagt der junge Mann, der es als Entlastung empfand, so akzeptiert zu werden, wie er ist. Es hätten sich im Laufe der Jahre Lernteams herauskristallisiert. Und bei Missverständnissen sei dann schon mal spaßeshalber nachgefragt worden, ob die beiden Schüler „etwas mit den Ohren“ hätten.

Eine Unterrichtseinheit über Hörgeschädigte hatte die Klasse sensibilisiert für die Bedürfnisse der hörgeschädigten Schüler. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurden die Mikrofone meist selbstverständlich weitergereicht, so dass auch leise Äußerungen von allen gut verstanden wurden. Das verbesserte die Kommunikation und über die Jahre wurde die Klasse ein eingespieltes Team.

Die Lehrer, sagen beide Absolventen, hätten sie gut betreut, seien aufgeschlossen und offen für Fragen gewesen. Jenny betont, dass es wichtig sei, „jeden Hörgeschädigten individuell zu betrachten“, da eben jeder unterschiedliche Einschränkungen durch seine Behinderung erlebt.

Als Tipp gibt Jenny den künftigen hörgeschädigten BBZ-Schülern mit auf den Weg, „von Anfang an dranzubleiben, auch bei den ersten schlechten Noten nicht aufzugeben, sondern erst recht viel zu lernen“. Rathan rät: „Macht eure Mitschüler auf eure Hörschwäche aufmerksam und fragt immer nach, wenn ihr etwas nicht versteht.“ Die Lehrer könnten unterstützen, indem sie „ein Extrablatt mit Begriffserklärungen bei Aufgaben und Klausuren, zum Beispiel in Deutsch“ erstellen, was Jenny als „sehr hilfreich“ empfand, da vieles nicht wie bei Hörenden einfach aufgeschnappt, sondern gezielt wie bei einer Fremdsprache gelernt werden müsse.

Rathans Fazit: „Die Zeit am BBZ war wunderbar, ich habe so viel Neues gelernt, hatte tolle und nette Lehrer, die das Beste aus den Schülern herausgeholt und sie unterstützt haben. Wenn etwas passierte, war die Klasse wie eine Familie. Danke für die tolle Zeit!“ Und Jennys Berufswunsch spricht für eine gute Schulzeit: Sie will Lehrerin werden und im Herbst ein Lehramtsstudium aufnehmen. Rathan beginnt ein Freiwilliges Soziales Jahr am LFZ Hören und Kommunikation.

Andreas Koziel, Leiter des Beruflichen Gymnasiums am BBZ, hat selbst in der 17w1 unterrichtet. Er sagt: „Ich habe den Unterricht als Bereicherung erlebt. Und: „Inklusion kann gelingen, wenn alle Beteiligten offen füreinander sind und die Bereitschaft zeigen, aufeinander zuzugehen. Aber nötig ist vor allem auch die angemessene Bereitstellung personeller und finanzieller Ressourcen. Erfolgreiche Inklusion ist nicht zum Nulltarif zu haben!“

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erstellt am 03.Jul.2017 | 14:05 Uhr

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