Schleswig : Abgestempelt in der Psychiatrie

Erika Fürst beim Mittagessen mit den Bewohnern ihrer Einrichtung in Ekebergkrug.
Erika Fürst beim Mittagessen mit den Bewohnern ihrer Einrichtung in Ekebergkrug.

Schon vor 40 Jahren wollte Erika Fürst als junge Erzieherin die Zustände auf dem Hesterberg verändern – das Thema lässt sie bis heute nicht los.

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27. Mai 2015, 07:45 Uhr

„Du bleibst hier“, sagt der Mann im gelben Pulli immer wieder und meint damit sich selbst „Du bleibst hier – nicht ins Krankenhaus.“ 23 Jahre ist es her, dass er das Landeskrankenhaus auf dem Schleswiger Hesterberg verlassen hat. Vergessen kann er die Zeit nicht. „Es kommt immer wieder hoch“, sagt Erika Fürst. Sie ist die Gründerin der sozialtherapeutischen Einrichtung Ekebergkrug, in der der Mann im gelben Pulli heute lebt.

Erika Fürst hat einst selbst auf dem Hesterberg gearbeitet. Die Berichte aus den vergangenen Wochen, als frühere Patienten gegenüber den SN von Misshandlungen und sexuellem Missbrauch erzählten, haben auch sie wieder an jene Zeit erinnert. Und sie möchte darüber reden. Nicht über die körperlichen Misshandlungen. Die habe sie nie selbst gesehen, sagt sie. „Der Kern des Problems war die seelische Grausamkeit“, sagt sie, während sie gemeinsam mit den 15 Bewohnern ihrer Einrichtung am Mittagstisch sitzt. „Die Patienten wurden nicht als Menschen wahrgenommen.“

Es gibt einen Gemüseauflauf und zum Nachtisch einen Kompott mit Rhababer aus dem eigenen Garten. Weil Besuch von der Zeitung da ist, greift Erika Fürst selbst zum großen Löffel und füllt der ganzen Runde die Teller. Aber sie hört damit schnell wieder auf. So möchte sie lieber nicht fotografiert werden. „Das erinnert mich zu sehr an den Hesterberg“, sagt sie. Dort gingen die Pfleger mit der großen Kelle durch den Speisesaal und füllten das Essen in die Näpfe aus Plastik.

„Diese ganze Einrichtung ist aus dem Ziel heraus entstanden, es anders zu machen als im Landeskrankenhaus“, erklärt sie und berichtet dann von einem Versuch in den 1970er Jahren, innerhalb der Institution Hesterberg etwas Neues aufzubauen, eine „pädagogische Station“, auf der sie gemeinsam mit vier weiteren Erziehern bereits so arbeitete wie jetzt in Ekebergkrug. Die Patienten ihrer Station sollten am Alltagsleben in Schleswig teilnehmen, so wie es heute in Ekebergkrug selbstverständlich ist, wenn sich zum Beispiel ein Bewohner aufs Fahrrad setzt und zum Akkordeonunterricht fährt. Aber die Patienten auf dem Hesterberg trugen Schuhe mit einem gut sichtbaren „LKH“-Stempel. „Die Station ist nach kurzer Zeit wieder aufgelöst worden. Ich weiß bis heute nicht, warum.“ Immerhin – an die Erfolge erinnert sich Erika Fürst auch noch genau. Zum Beispiel daran, wie sie einem Jungen, der zwölf Jahre in der Psychiatrie verbrachte, obwohl er nicht behindert war, zu einer Bäckerlehre verhalf.

Es sind ehemalige Patienten wie dieser Bäcker, die heute reden wollen über das Leid, das ihnen zugefügt wurde. Ein anderer ist Günter Wulf aus Sieverstedt. Er hat vergeblich den Bundestags-Petitionsausschuss um eine öffentliche Anhörung gebeten, um das Leid in der Psychiatrie – für das der Hesterberg nur ein Beispiel unter vielen sein dürfte – zum Thema zu machen. Jetzt hofft er, dass wenigstens der Kieler Landtag ihn anhört.

Vieles liegt im Dunkeln von dem, was vor 40, 50 Jahren auf dem Hesterberg geschah. Überlegungen, ein umfassendes Forschungsprojekt aufzulegen, stehen aber noch ganz am Anfang. „Wir sind bereit, so etwas zu unterstützen“, sagt Inke Asmussen, die Sprecherin des Helios-Klinikums, das die Psychiatrie auf dem Hesterberg heute betreibt. In erster Linie sieht Helios aber die Landesregierung in der Pflicht. Schließlich sei der Hesterberg damals eine Landeseinrichtung gewesen. Die frühere Landespastorin Petra Thobaben hat im Auftrag des Landessozialministeriums begonnen, Gespräche mit Betroffenen zu führen. Sie spricht von einer „schwierigen Datenlage“. Alle Patientenakten sind, so wie es Vorschrift ist, nach 30 Jahren vernichtet worden.

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