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Aus dem Amtsgericht : 83.000 Euro vom Konto einer 93-Jährigen verschwunden

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Aus Mangel an Beweisen: Das Amtsgericht spricht die Pflegerin einer 93-jährigen Schleswigerin vom Vorwurf des Betrugs frei.

von
erstellt am 18.Dez.2015 | 17:16 Uhr

Es war Richter Carl-Christian Scholl sichtlich unangenehm, als er den Freispruch verkündete. Auf der Zuschauerbank im Amtsgericht saßen die Angehörigen von Inge K., einer dementen 93-jährigen Dame, von dessen Konten in den vergangenen Jahren auf ungeklärte Weise rund 83  000 Euro verschwunden waren. Fast die Hälfte ihrer gesamten Ersparnisse.

Die Staatsanwaltschaft hatte einer 61-jährigen Schleswigerin, die die Seniorin über mehrere Jahre betreut hatte, vorgeworfen, sich bereichert zu haben. Doch beweisen ließ sich das nicht. Als die alte Frau vor drei Jahren aus ihrer Wohnung in der Königsberger Straße umzog in ein Pflegeheim auf der Geest, da fiel ihren Stiefkindern erstmals auf, dass mit den Kontobewegungen etwas nicht stimmen konnte. 15  000 Euro waren auf das Konto der Frau geflossen, die jetzt angeklagt war, sich noch sehr viel mehr Geld abgezweigt zu haben. Gegenüber einer Polizistin erklärte Inge K. damals aber, das Geld habe sie ihrer Angestellten bewusst zusätzlich zu den monatlich 400 Euro Lohn überwiesen – auch wenn sie im Nachhinein finde, dass der Betrag vielleicht etwas hoch ausgefallen sei. Damals kam die Angeklagte mit einem Strafbefehl wegen Betrugs davon – weil sie die 15  000 Euro beim Jobcenter nicht angegeben hatte.

Danach sah sich der Stiefsohn von Inge K. alle Kontoauszüge und viele weitere Unterlagen noch einmal genauer an und listete penibel auf, was ihm seltsam vorkam.

60 Fälle, in denen am Bankautomaten Geld abgehoben wurde, listete die Staatsanwaltschaft jetzt auf. Weitere Fälle waren bereits verjährt. Mal waren es 200 Euro, mal 500 Euro, manchmal sogar 1000 Euro am Tag. Aber wer hatte das Geld abgehoben? Fotos von den Überwachungskameras an den Geldautomaten gebe es nicht mehr, erklärte die ermittelnde Kriminalbeamtin. Diese würden in der Regel nach wenigen Wochen wieder gelöscht. Auffällig war zwar, dass in demselben Zeitraum immer wieder höhere Beträge in bar auf die Konten der Angeklagten und ihres Lebensgefährten eingezahlt wurden, aber auch das beweise nichts, erklärte der Richter. „Das Geld kann auch aus anderen Quellen, seien es legale oder illegale kommen“, sagte er.

Die Angeklagte selbst wollte sich zunächst gar nicht zur Sache äußern, ließ sich im Laufe der Verhandlung dann aber doch noch zu ein paar Bemerkungen hinreißen. Inge K. habe für 2000 Euro einen neuen Fernseher gekauft und ebenfalls für 2000 Euro ein neues Hörgerät. Außerdem habe sie sich für 800 Euro eine barrierefreie Rampe zum Balkon ihrer Mietwohnung in der Königsberger Straße bauen lassen. „Das hat sie alles in bar bezahlt.“

Diese Erklärung überzeugte den Richter nicht. „Ich bin sicher, dass Frau K. bestohlen worden ist. Nur können wir nicht zweifelsfrei nachweisen, dass die Angeklagte die Taten begangen hat.“ Nachdem er den Freispruch verkündet hatte, sagte er deshalb: „Ein Geschmäckle mag bleiben.“ In Richtung der Angehörigen von Inge K. sagte er: „Es ist ganz, ganz ärgerlich, aber mit dem Strafrecht kommen wir da nicht heran.“ Inge K. kann sich zum Sachverhalt nicht mehr äußern. Ihre Demenz ist inzwischen zu weit fortgeschritten. Ein schwacher Trost war es für den Stiefsohn, dass der Fall überhaupt öffentlich verhandelt wurde. „Vielleicht ist es für andere Familien eine Warnung, dass man genau aufpassen sollte, was in einer Situation wie dieser mit dem Geld geschieht.“

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