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Baummaler : 600 Fabelwesen für den Schleswiger Tiergarten

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Kunst im Verborgenen: 35-Jähriger Schleswiger nutzt den Wald seit Monaten als riesiges Outdoor-Atelier

von
erstellt am 30.Mai.2017 | 12:43 Uhr

Guckt mich der Baum da drüben gerade wirklich an – oder spinne ich jetzt? Sitzt dahinten tatsächlich ein Zwerg? Und warum klemmt da eine Eule zwischen den Ästen?

Wer in diesen Wochen aufmerksam durch den Tiergarten spazieren geht, wird sich diese oder ähnliche Fragen vielleicht schon gestellt haben. Denn der Wald rund um den Gottorfer Barockgarten ist voll von kleinen und auch größeren gemalten Figuren – und es kommen, scheinbar wie durch Wunderhand, täglich weitere hinzu.

„Ganz genau weiß ich es nicht, aber es sind inzwischen deutlich mehr als 600“, sagt Herman Delkow. So heißt der junge Mann, der bewaffnet mit einem Edding täglich durch den Tiergarten streift, zwar nicht wirklich. Aber als Künstler nutzt er lieber sein Pseudonym. Schließlich ist er bislang ja auch eher im Verborgenen aktiv. Bis auf ein paar Leute, die mit ihren Hunden Gassi gehen, Joggern oder die Jungs und Mädchen aus dem Waldkindergarten hat in niemand gesehen bei der Arbeit. Das wiederum stört ihn auch gar nicht. Viel wichtiger sei es ihm, „dass sich der ein oder andere Spaziergänger über die Bilder freut“, sagt er.

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Vor gut zwei Monaten hat es angefangen. Bis dahin streifte der 35-Jährige, der im ehemaligen Paulihof wohnt, zwar auch schon regelmäßig durch den Tiergarten. Dabei machte er aber zunächst nur Fotos, die er später am Computer bearbeitete. So bekamen Bäume Augen, Mund und Nase. Dann aber kam er auf die Idee, zum Stift zu greifen und etwa gefällten Bäumen an ihren Schnittstellen ein Gesicht zu geben. „Wenn ich genau hinsehe, entdecke ich dort Strukturen, die ich dann einfach nur nachzeichnen und etwas erweitern muss. Ich mache also nur das sichtbar, was ohnehin schon da ist.“ So entstehen kleine Mäuse, Zwerge, Kühe, Bären oder Gespenstern. Man entdeckt sie an den Bruchstellen von abgebrochenen Ästen, an Baumstämmen, an denen die Rinde fehlt und inzwischen sogar auf rund 70 Steinen mitten auf den Gehwegen. „Das hab’ ich für die Generation-Smartphone gemacht, die heutzutage ja nur noch mit dem Handy in der Hand nach unten guckt“, sagt der Künstler, der eigentlich Mathe- und Religionslehrer ist.

Durch eine schwere Erkrankung konnte er allerdings monatelang nicht arbeiten. Erst jetzt geht es ihm langsam besser – auch weil ihm seine kreativen Genesungsspaziergänge sichtlich gut tun. „Ja, das macht mir viel Spaß. Aber ich freue mich auch darauf, endlich wieder arbeiten zu können. Ich bin sehr gerne Lehrer“, sagt er und erzählt davon, wie er seinen Schülern gerne kleine Zeichnungen in ihre Hefte malt oder lustige Poster für die Klasse entwirft. Auch Postkarten mit eigenen Motiven und gerne auch kleinen Sprüchen oder Reimen dazu denkt er sich immer wieder aus. Kostproben seiner Wortspielerei findet man auch bei dem einen oder anderen Kunstwerk im Tiergarten.

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Schon als Kind und Jugendlicher habe er gerne gezeichnet. Im Studium habe er diese Leidenschaft wiederentdeckt. „Manche Vorlesungen waren so langweilig, da habe ich währenddessen Cartoons gemalt, um die Zeit totzuschlagen“, erzählt der gebürtige Schleswiger, der viele Jahre in Kiel gelebt hat.

Warum er nun in seiner Heimatstadt den öffentlichen Raum als Bühne nutzt? Das sei eigentlich gar nicht geplant gewesen. Aber er hoffe, dass er bei den Betrachtern seiner Bilder ein wenig die Fantasie anregen kann. Das nämlich würde heutzutage oft viel zu kurz kommen. Und dass diese etwas andere Idee gut ankommt, weiß er nicht nur von der begeisterten Waldkindergartengruppe, sondern er sieht es auch daran, dass schon einige Bilder, die er auf kleinere Holzstücke gemalt und irgendwo im Wald aufgestellt hat, „Beine bekommen haben“, wie er sagt.

 

 

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