Martin-Luther-Krankenhaus : 450 PS im alten Luftschutzbunker

Marco Behmer, Leiter des Fachbereichs Elektrotechnik am Schlei-Klinikum, an einem der beiden Notstromaggregate im Schlei-Klinikum-MLK: 450 PS liefert der V8-Dieselmotor von Henschel. Foto: Jensen
Marco Behmer, Leiter des Fachbereichs Elektrotechnik am Schlei-Klinikum, an einem der beiden Notstromaggregate im Schlei-Klinikum-MLK: 450 PS liefert der V8-Dieselmotor von Henschel. Foto: Jensen

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12. August 2010, 06:58 Uhr

Schleswig | Man stelle sich vor: Man liegt im Martin-Luther-Krankenhaus auf dem OP-Tisch und in ganz Schleswig gehen plötzlich durch einen Stromausfall die Lichter aus, aber die OP-Lampe brennt weiter. Wie funktioniert das? Um die Antwort zu finden, steigt Klaus Krüger, der Technische Leiter des Schlei-Klinikum, hinab in die Katakomben des Krankenhauses, ins zweite Untergeschoss. Dieses Geschoss ist ein alter Luftschutzbunker. Während des kalten Krieges begann man einen Bunker unter dem Krankenhaus zu bauen, in dem auch im Falle eines Bombenangriffes der Krankenhausbetrieb aufrechterhalten werden konnte. Eine Decke, die die Schuttlast des Krankenhauses tragen kann, Bettenzimmer, OP-Säle, alles wurde geplant, aber nicht komplett fertig gestellt. Geblieben von 1965 ist das MAN-Notstromaggregat, zu dem mittlerweile ein zweites gekommen ist.

Normalerweise bezieht das Krankenhaus seinen Strom von den Stadtwerken, aber wenn der Strom einmal ausbleibt, greift der Netzwächter ein. Dieses Bauteil überprüft ständig die Netzspannung, sollte diese einmal um auch nur zehn Prozent abfallen, leitet es den Start der Generatoren ein. Starterbatterien erwecken die beiden V8-Dieselmotoren mit 260 und 450 PS aus ihrem Schlaf, nach 15 Sekunden haben sie ihre Nenndrehzahl von 1500 Umdrehungen pro Minute erreicht und können die Stromversorgung übernehmen, so dass der lebensnotwendige Krankenhausbetrieb aufrecht erhalten wird. Die Notfallgeräte der Intensivstationen, die OP-Säle, die Bettenaufzüge und die Klima- und Kühlanlagen können weiter arbeiten. Und damit auch während der 15 Sekunden Startzeit die OP-Lampe brennt, gibt es Notlichtbatterien.

An seinem zweiten Arbeitstag in Schleswig, im Mai 1986, erlebte Klaus Krüger seinen längsten Stromausfall, für sieben Stunden blieb der Strom aus. "Heute ist das Netz sehr stabil, es gibt statistisch einen Stromausfall pro Jahr", berichtet Krüger, der vorher im Husumer Krankenhaus arbeitete. Zu den Krankenhäusern kam er durch Zufall: "Ich war bei einer Elektromaschinenbau-Firma beschäftigt, die meist auf Werften und Schiffen Generatoranlagen wartete und installierte, da sollten wir auch in Husum im Krankenhaus Aggregate aufbauen." Man warb ihn ab, und seitdem ist Krüger den Krankenhäusern treu geblieben: "Es ist die Herausforderung, dass man gebraucht wird, dass man am Ende das Überleben von Patienten sicherstellt. Und ein besonderer Reiz ist die Vielfalt der Aufgaben, so ein Krankenhaus ist ja fast autark. Deshalb sind alle Anlagen auch redundant, also doppelt ausgelegt, aber bald stoßen wir wieder an unsere Grenzen, die fortschreitende Medizintechnik benötigt immer mehr Energie."

Mit der Fusion der Schleswiger Krankenhäuser stieg Krüger zum technischen Leiter für die Standorte Hesterberg, Stadtfeld und Martin-Luther-Krankenhaus auf. Mit seinem 32 Mann zählenden Team übernimmt er die Instandhaltung für die Heizungs- und Klimaanlagen, die Aufzüge, die Wasserversorgung, die Dampfversorgung für die Sterilisationsabteilungen und Küchen. Dazu kommen noch die Leitungssysteme für die medizinische Gasversorgung wie Druckluft, Atemsauerstoff und die Absaugung. Und eben die Notstromaggregate, von denen es sieben gibt, je zwei an den drei Standorten und einen für die in Schleswig sitzende IT-Abteilung der Damp Gruppe. Täglich drehen die Techniker, für die Patienten unsichtbar, in den Krankenhäusern ihre Runden, täglich besucht ein Mechaniker die Diesel, die ständig startbereit, vorgewärmt, im dunklen Keller schlummern.

Wenn Klaus Krüger daran denkt, dass er nur noch ein Jahr für das Schlei-Klinikum arbeiten und sich danach im Ruhestand seiner Modeleisenbahn widmen wird, überkommt ihn Wehmut: "Man kommt in die Versuchung ein Aggregat zu streicheln, damit es weiter zuverlässig läuft." Aber nicht nur die Technik, auch die Kollegen sind ihm ans Herz gewachsen: "Mit manchen arbeite ich seit Jahrzehnten zusammen, das ist in einer Welt, in der immer mehr Abteilungen als Servicegesellschaften ausgegliedert werden, nicht mehr selbstverständlich." Seinen Nachfolger arbeitet Klaus Krüger bereits ein, bald wird dieser dafür sorgen, dass in Schleswigs Kliniken das Licht brennt, 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche, das ganze Jahr über.

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