zur Navigation springen

Gedenk-Gottesdienst : 14. September 1944: Vom Stadtfeld ins Vernichtungslager

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Vor 70 Jahren wurden rund 705 Patienten der Schleswiger Nervenheilanstalt nach Pommern deportiert. Ein Gedenk-Gottesdienst im Dom erinnert am Sonntag an ihr Schicksal.

An diesem Sonntag jährt sich einer der dunkelsten Tage der Schleswiger Geschichte zum 70. Mal: In den frühen Morgenstunden des 14. September 1944 trieben Mitarbeiter der Heil- und Pflegeanstalt, dem Vorgänger der heutigen psychiatrischen Fachklinik, 705 Patienten vom Stadtfeld den Gallberg hinab zum Kreisbahnhof. Dort wurden sie in Güterwagen gepfercht. Sie wurden deportiert nach Meseritz-Obrawalde in Pommern. Fast alle wurden getötet. Das Nazi-Regime hatte aus der dortigen Landeskrankenanstalt ein Vernichtungslager gemacht.

Der Gottesdienst im Dom an diesem Sonntag um 10 Uhr erinnert an das Ereignis. Pastor Joachim Thieme-Hachmann gestaltet ihn gemeinsam mit Mitarbeitern aus der Psychiatrie des Helios-Klinikums. Auch der neue ärztliche Direktor der Fachklinik, Dr. Sebastian Rudolf, wird zu den Gottesdienstbesuchern sprechen. Ihm ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die so genannte Euthanasie aus der Nazizeit etwas ist, das auch Lehren für Gegenwart und Zukunft bereithält. „Wir sind heute glücklicherweise weit davon entfernt, mit den Patienten so umzugehen wie damals“, sagt er. Dennoch sehe er in der Genforschung moderner Medizin Tendenzen, die ihm Sorge bereiteten, wenn es darum geht, Erbkrankheiten auszurotten. „Es gibt dort Dinge, vor denen wir uns tunlichst hüten sollten.“

Einen Aspekt der Ereignisse vom 14. September 1944 hebt Rudolf besonders hervor: Es sei damals nicht darum gegangen, im Rahmen der Nazi-Ideologie „lebensunwertes Leben“ zu töten, sondern auch um wirtschaftliche Interessen. „Es sollte in Schleswig Platz geschaffen werden für ein Kriegslazarett.“

Inke Asmussen, die Pressesprecherin des Helios-Klinikums beschäftigt sich schon seit mehr als 20 Jahren mit den Ereignissen vom 14. September 1944. Als sie 1994 zum ersten Mal eine Gedenkstunde organisierte, sprach sie noch mit zahlreichen Zeitzeugen. Daher weiß sie, wie unterschiedlich das Pflegepersonal mit der Deportation umging. Manche Mitarbeiter des Krankenhauses versteckten Patienten, um sie zu retten. Andere waren noch Jahrzehnte später überzeugt, dass es richtig war, den kranken Menschen einen „Gnadentod“ zu gewähren.

Am Sonntag im Dom spricht auch die Großnichte eines Opfers. Außerdem werden Zitate von Fritz Niemand vorgelesen, einer der wenigen Überlebenden der Deportation,der später in einem Buch von seinem Schicksal berichte. Fritz Niemand starb 2012 im Alter von 97 Jahren. Seine Geschichte steht exemplarisch dafür, wie Menschen zwangsweise in die Schleswiger Heilanstalt gerieten. Er wurde zwangssterilisiert, nachdem ihm ein Arzt unter anderem „albernes, läppisches Wesen“, „Zerfahrenheit“, „Wahn- und Verfolgungsideen“, „Neigung zum Weglaufen“ „Verlust der sittlichen Empfindungen“ und „Arbeitsunlust“ attestiert hatte.

zur Startseite

von
erstellt am 12.Sep.2014 | 16:45 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen