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Lesung mit Raoul Schrott : 13,8 Milliarden Jahre auf 850 Seiten

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Im Schleswiger Oberlandesgericht sollte der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott eigentlich aus seinem Epos „Erste Erde“ lesen – er tat aber etwas anderes.

von
erstellt am 21.Apr.2017 | 07:40 Uhr

Schwere Kost. Das dachte sich Konstanze Görres-Ohde, als sie das 850 Seiten dicke Buch von Raoul Schrott in den Händen hielt. „Man kann es nicht im Bett lesen“, seufzte die Vorsitzende der Schleswiger Gesellschaft Justiz und Kultur und frühere Gerichts-Präsidentin. Dennoch hatte sie den 53-jährigen Österreicher in den Plenarsaal des Oberlandesgerichts eingeladen, um aus seinem Epos „Erste Erde“ zu lesen. Man müsse ja nach Feierabend nicht immer nur mit leichter Unterhaltung entspannen, man könne ja auch einmal mit anspruchsvolleren Texten den Geist anregen, sagte sie. Das Publikum schien das ähnlich zu sehen – im Saal waren wieder einmal fast alle Stühle besetzt.

Es war dann aber gar nicht so schwere Kost, die Schrott servierte. Das begann mit seinem überraschenden Eingangs-Statement:

„Vorlesen, das wäre jetzt ein bisschen lang.“ Lieber wolle er von seinem Buch erzählen – warum und wie er es geschrieben hat. Und das gelang dem habilitieren Literaturwissenschaftler, der sich unter anderem mit Homer-Übersetzungen aus dem Altgriechischen einen Namen gemacht hat, auf sehr unterhaltsame Art und Weise.

In „Erste Erde“ erzählt Schrott die Geschichte der Welt – vom Urknall bis heute. „Das sind 13,8 Milliarden Jahre – auf weniger als 850 Seiten ging das wirklich nicht“, entschuldigte er sich für den Umfang seines Werks.

Sieben Jahre hat er an dem Buch gearbeitet. Möglich war das dank eines Darlehens der Bundeskulturstiftung, das ihm in dieser Zeit den Lebensunterhalt sicherte und mit dem er seine zahlreichen Recherchereisen finanzieren konnte. Um zu begreifen, wie die Welt entstanden ist, sprach er mit Biochemikern, Molekularbiologen, Astronomen und Theologen. Seine Erkenntnisse verarbeitete er in poetischer Sprache. „Erste Erde“ ist beides: Sachbuch und literarisches Werk. Für die ersten 680 Seiten hat er Romanfiguren erfunden. Viele von ihnen sind Wissenschaftlern nachempfunden, die er während der Arbeit an dem Buch kennen lernte. Er beschreibt ihre Sicht auf die Welt und beleuchtet auf diese Weise die Entstehung des Universums, der Erde und des Lebens aus 28 unterschiedlichen Perspektiven. Die restlichen Seiten bieten eine komprimierte Zusammenfassung der Geschichte vom Urknall bis heute.

Nachdem Raoul Schrott all dies erzählt hatte, las er am Ende des Abends doch noch ein paar Zeilen aus seinem 850 Seiten dicken und anderthalb Kilo schweren Buch.

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