Inventur : 100.000 Pullis, Gürtel und Jeans

Filialleiter Klaus-Peter Jeß (l.) und Abteilungsleiter Michael Höfer zählten mit.
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Filialleiter Klaus-Peter Jeß (l.) und Abteilungsleiter Michael Höfer zählten mit.

Zum Jahresbeginn steht bei vielen Geschäften die Inventur auf dem Programm – gestern wurde im Modehaus I.D. Sievers fleißig gezählt.

shz.de von
07. Januar 2015, 07:41 Uhr

Fach 2333 – eigentlich ist es ein Tisch im Obergeschoss des Modehauses I.D. Sievers, auf dem ein blauer Tomy-Hilfiger-Pullover liegt. Preis 49,95 Euro, Größe XL. Seit sieben Uhr schon schlängeln sich die 65 Mitarbeiter an diesem und den anderen knapp 5000 Verkaufstischen und Ständern vorbei, die im Fachjargon „Fächer“ genannt werden und an diesem Dienstag alle durchnummeriert sind. Sie überprüfen, „ob noch alles da ist.“ Das ist grob und mit den Worten von Klaus-Peter Jeß gesagt der Grund, warum das Modehaus im Stadtweg an diesem Dienstag seine jährliche „Stichtagsinventur“ macht. Neben dieser Art der Inventur gibt es außerdem noch die „permanenten Inventur“ – eine monatliche Bestandsfortschreibung.

Das Ziel ist es, bis 13 Uhr alle 100.000 Textilwaren zu erfassen, so der Leiter der Schleswiger Modegeschäfts. Eine Routinearbeit. Auch für andere Geschäfte in der Schleswiger Ladenstraße steht zum Jahresbeginn beziehungsweise Jahresende die Bestandsaufnahme an.

Zu Beginn des Tages wurde erst einmal vorgezählt und jedes „Fach“ mit einem grünen „Inventuraufnahmeprotokoll“ versehen, auf dem die jeweilige Stückzahl steht. Auf dem Protokoll von Fach 2333 sind auch der blaue Hilfiger-Pullover und seine größeren und kleineren Kollegen, die unter und neben ihm liegen, vermerkt. Im ganzen Laden piept es gehörig. Mit einem elektronischen Zählgerät erfassen die Mitarbeiter nach und nach auch die Strichcodes auf den Etiketten der Pullover in Fach 2333. Stimmt die vorgezählte Zahl? „Ich hab’ die hinten ganz vergessen“, ruft eine Mitarbeiterin plötzlich und Margret Meinhardt ergänzt: „Leider sind wir nicht fehlerlos.“ Denn abgesehen von Unachtsamkeiten läuft nicht immer alles so geschmeidig, wie es im ersten Moment aussieht: Bei Fach 2333 erkennt das Scangerät die Strichcodes nicht. Also müssen die Codes des letzten Pulloverstapels, die neben dem blauen Hilfiger XL liegen, manuell in das Gerät eingegeben werden. Trotzdem ist Jeß entspannt und sogar immer mal wieder für Scherze mit seinen konzentriert arbeitenden Mitarbeitern aufgelegt.

Erst wenn das Gerät alle Daten von Fach 2333 erfasst hat, können diese am so genannten Konzentrator eingelesen werden und die Mitarbeiter können zum nächsten Fach übergehen. Alles wird genauestens dokumentiert: Die gescannten Daten werden auf einem Bon festgehalten und an dem jeweiligen Fach hinterlegt, bevor der Abteilungsleiter die Endkontrolle abnehmen kann.

Nur so könne man schlussendlich den Soll-Bestand mit dem Ist-Bestand vergleichen, meinte Jeß. „Leider müssen wir mit nicht unerheblichen Differenzen leben.“ Als Ursache dafür nennt der Kaufmann nicht nur Diebstähle, sondern auch organisatorische Fehler. Diese tragen zu gleichen Teilen zum Warenschwund bei und betreffen den Handel im Allgemeinen. „Die richtige Analyse fängt danach erst an und man guckt, wie man den Warenschwund möglichst gering halten kann und welche Abteilung im Besonderen betroffen ist.“

Ob auch einer der blauen Hilfiger-Pullovern gestohlen worden ist? Diese Frage bleibt unbeantwortet. Zumindest aber wurden drei braune Lederjacken im vergangenen Jahr Opfer eines spektakulären Diebstahls. „Da ist man zwar nicht machtlos, aber zumindest sprachlos“, erklärte Jeß.

Der Angestellte Björn Bruhn, der die Situation erkannt hatte, versuchte noch, die Diebe zu stellen. Seine Verfolgungsjagd durch den Stadtweg blieb am Ende aber erfolglos. Unabhängig davon seien die Passanten beim Festhalten der Täter oft hilfsbereit und die Polizei immer recht schnell vor Ort. Aber selbst aufmerksame Mitarbeiter und elektronische Sicherungen verhindern nicht jeden Diebstahl.

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