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Boren Mit der Nylonschnur ins Krisengebiet

Von ql | 17.01.2012, 07:15 Uhr

DRK-Schwester Margot Dietz-Wittstock half nach dem Erdbeben in Haiti, Verletzte zu versorgen / In einem Buch schildert sie ihre Erlebnisse

Wenn heute ein Buch über jemanden geschrieben wird, der in ein Krisengebiet reist, und dort unter einem Zeltdach Kranke versorgt, ist man geneigt, in ihm einen Helden zu sehen. Doch Margot Dietz-Wittstock, die als Krankenschwester die Folgen des Tsunamis in Indonesien sowie der Erdbeben in Pakistan und in Haiti vor zwei Jahren miterlebte, sieht das anders: "Helden sind meine Arbeitskollegen, meine Familie und Menschen in meiner Umgebung, die die Aufgaben erfüllen müssen, die ich durch meine plötzliche Abwesenheit hinterlasse." Denn die Arbeit in Krisengebieten würde sich nicht wesentlich von dem unterscheiden, was ihr täglich als Leiterin der Notaufnahme in der Diakonissenanstalt in Flensburg begegne. Man müsse zwar teilweise bis zu 20 Stunden am Tag arbeiten und hin und wieder auch mit eingeschränktem Material auskommen. Doch die Knochenbrüche und Infektionen seien dieselben wie in Deutschland, meint Schwester Margot. Sie bekäme auch hin und wieder einen Toten zu sehen. Aber die Leichenberge oder andere Horrorbilder, die vom Fernsehen verbreitet würden, seien nicht Teil ihrer Erlebniswelt. Deshalb schätze sie auch den Titel "ihres" Buches, den sich Herausgeberin Bettina Schaefer ausgedacht hat: "Helden sind die, die bleiben".

Das Buch ist eine überarbeitete Form von Interviews, in der Dietz-Wittstock Bettina Schaefer ihre Vorbereitungen, Glücksmomente, Schwierigkeiten und Pannen minutiös beschreibt. Der Leser erfährt, warum man immer vier Meter Nylonschnur und Kabelbinder dabei haben sollte, wenn man in Krisengebiete reist und wie schwierig es ist, ein sogenanntes "Multifunktionswerkzeug" dorthin mitzunehmen.

Für die 45-jährige DRK-Krankenschwester war bereits relativ früh klar, dass sie einmal im Ausland arbeiten wollte. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester bildete sich die Mutter von vier Kindern zur Rettungssanitäterin fort und belegte Kurse, die auf einen Auslandseinsatz ausgerichtet waren. Sie begrenzte dabei die mögliche Dauer dieser Einsätze auf vier bis fünf Wochen jährlich. Insgesamt drei Mal wurde sie abgerufen - letztmals 2010 nach Haiti zum Ersteinsatz. "Wenn wir nicht wären, würde es gar keine medizinische Versorgung geben", lautet ihre Begründung für ihre DRK-Einsätze.

Was sie am meisten beeindruckte, war die noch vorhandene Fröhlichkeit der Menschen, die im Krisengebiet alles verloren hatten. Und sie hat auch etwas von den Einsätzen mitgenommen: "Ich habe gelernt, gerader und präziser zu sein und Wege zu gehen, die nicht so offensichtlich sind." Auch fachlich sei sie weitergekommen, da sie inzwischen auch Malaria oder Wurmbefall diagnostizieren könne. Und solange sie gesund sei, wolle sie ihre Kraft zum Einsatz nach schweren Naturkatastrophen weiter anbieten.

Das Buch von Bettina Schaefer "Helden sind die, die bleiben" ist in der Edition Latimeria unter ISBN 978-3-9814389-0-1 erschienen und kostet 12,80 Euro.