Ein Artikel der Redaktion

Schleswiger Nachrichten Infos gegen die Angst vor Atommüll

Von org | 20.09.2017, 11:34 Uhr

Veranstaltung in Sterup zur Suche nach einem Endlager: Kein Grund zur Panik – aber auch kein Hinweis auf Entwarnung

Kommt der Salzstock unter Sterup als Endlager für hochradioaktiven Atommüll in Betracht? Diese Frage hatte die Menschen in Angeln erschreckt und verunsichert, nachdem die bundesweite Suche nach einem Endlager begonnen und unsere Zeitung darüber berichtet hatte. Sterup war dabei mit in den Blickpunkt geraten, weil es dort einen Salzstock gibt, alte Gutachten vorliegen und in einem Tüv-Bericht behauptet wurde, dass Sterup geeigneter sei als Gorleben.

Wie sehr das Thema die Menschen in Sterup und Umgebung bewegt, zeigte die Resonanz auf eine Veranstaltung, zu der der Landesverband der Naturfreunde am Dienstagabend in das Schulzentrum eingeladen hatte. Mehr als 160 Bürger, aber auch Interessierte und Engagierte aus Hamburg und Kiel, darunter der ehemalige Schleswig-Holsteinische Energieminister Claus Möller, füllten den Raum. Als Experten standen der Geologe Prof. Andreas Dahmke von der Uni Kiel und Michael Möller bereit. Der Bundesvorsitzende der Naturfreunde saß 25 Jahre für die SPD im Bundestag und war mehr als zwei Jahre Vorsitzender der Kommission „Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe“, die das Verfahren der Suche nach einem Endlager ausgearbeitet hat.

Dahmke stellte sich als Atomkraftgegner und Spezialist für die Energiespeicherung und Raumplanung im Untergrund vor. „Ich bin allerdings kein Experte für die Endlagerproblematik“, betonte er. Der Wissenschaftler gab einen groben Überblick über die Geologie des Landes, konnte den gespannt lauschenden Zuhörern allerdings nicht mit einer klaren Aussage darüber dienen, wie wahrscheinlich ein Endlager in Sterup ist oder ob man diese Gefahr sogar ausschließen kann. „Wir wissen, wo es Salzkissen und Ton im Lande gibt, nicht aber, wie die Strukturen im Detail aussehen. Für eine solche Aussage sind sehr genaue Untersuchungen notwendig.“

Zurückliegende Analysen und Gutachten erklärte der Spezialist als nicht relevant: „Wir brauchen neue Kenntnisse, um uns ein genaues Bild zu machen. Zurzeit wissen wir noch viel zu wenig.“ Für die Steruper eine unbefriedigende Aussage – aber offenbar bleibt ihnen keine andere Wahl als abzuwarten, ob ihr Heimatort nach der ersten Ausschlussrunde immer noch zu den Endlager-Standorten gehört oder nicht. Erst danach sind genauere Untersuchungen vorgesehen.

„Wir werden keinen idealen Standort für ein Endlager finden, aber irgend etwas werden wir finden. Und das ist allemal besser als die Zwischenlager“, sagt Dahmke voraus. In seinen persönlichen Anmerkungen regte er an, auch anders zu denken: „Wenn wir uns entschließen, uns unserer Verantwortung nicht zu stellen und zu zahlen, lassen sich sicher auch vertrauenswürdige außereuropäische Standorte finden.“

Michael Müller schlug zunächst einen großen Bogen zurück zum Beginn der Atomnutzung, die nach seinen Worten einen militärischen Hintergrund hatte. Und er kritisierte, dass zu viele Entscheidungen ohne das notwendige Hintergrundwissen getroffen worden seien – vor allem, was die Frage nach dem Atom-Abfall angeht. Er berichtete von politischem Kalkül, wirtschaftlichen Interessen, fehlender Transparenz. „Es hat nie eine gesellschaftliche Debatte über dieses Thema gegeben“, sagte Müller. Das habe sich erst um die Jahrhundertwende geändert.

Auch Müller äußerte sich nicht speziell über die Zukunft von Sterup, verwies aber auf die nun anstehenden Verfahrensschritte, die mit einem geologischen Ausschluss-Verfahren beginnen. Dabei werden Standorte aussortiert, die beispielsweise von vulkanischer Tätigkeit und Erdbeben bedroht sind. Das Verfahren sieht später auch so genannte Regionalkonferenzen vor, in denen die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten informiert wird und Bedenken äußern darf. Formaler Einfluss ist jedoch nicht vorgesehen.

Aus seiner Erfahrung riet Müller den Sterupern, sich dennoch frühzeitig einzumischen – und nicht erst, wenn schon alles entschieden sei. „Jetzt werden die Weichen gestellt“, sagte Müller, „noch gibt es keine kritische Massen, aber es wird Zeit.“

Nach zweieinhalb Stunden war allen Zuhörern klar: Es gibt keinen Grund zur Panik in Sterup – aber auch keinen Hinweis auf eine Entwarnung. Sie hatten alle vorhandenen Informationen erhalten – aber nicht die, auf die sie gehofft hatten.

„Wir haben heute Abend ein Zeichen gesetzt“, formulierte der Naturfreunde-Landesvorsitzende Hans-Jürgen Lüth zum Abschluss optimistisch, „ein Zeichen der Aufmerksamkeit. Wir haben Anlass zur Besorgnis, nicht aber für Ängste und Panik.“