Ein Artikel der Redaktion

Schleswig Gottorfer Hofmusik: "Auf Augenhöhe mit Sachsen und Thüringen"

Von mra | 30.04.2012, 03:59 Uhr

Seit Freitag bereits hat Schleswig ein neues Festival - die "Gottorfer Hofmusik".

Zwei Konzerte im Rahmen dieser doch sehr ungewöhnlichen und deswegen weit über die Schleistadt hinaus bedeutsamen Aufführungsreihe stehen noch aus: Heute Abend gastieren die Camerata Englung und das Instrumentalensemble Piane forte aus Uppsala im Hirschsaal und in der Schlosskapelle und präsentieren Musik an nordeuropäischen Fürstenhöfen. Morgen um 19 Uhr bringt das renommierte Ensemble Weser-Renaissance aus Bremen geistliche Kantanten von Augustin Pfleger zur Aufführung (Karten-Vorverkauf unter Tel. 0 46 21/81 32 22 oder kasse@schloss-gottorf.de).

Die "Gottorfer Hofmusik 2012" ist, wie berichtet, Teil eines mehrjährigen Vorhabens (bis hin zum Jahr des Reformationsjubiläums 2017) in Kooperation mit der Nordelbischen Kirche. Ziel dabei ist es, ein Bewusstsein für die Bedeutung der historischen Gottorfer Hofmusik - aus den Jahrzehnten zwischen 1665 und 1695, also der Zeit unmittelbar vor dem Wirken von Johann Sebastian Bach - zu schaffen.

Dabei lassen sich etliche Entdeckungen machen. So muss als erstes eine fundamentale Korrektur vorgenommen werden. Jedenfalls möchte das Professor Dr. Konrad Küster erreichen. Er lehrt und forscht als Musikwissenschaftler an der Uni Freiburg und ist einer der Köpfe hinter dem Festival. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung über die Musik-Affinitäten der Bevölkerung Schleswig-Holsteins zur Barockzeit kann Küster nachweisen, "dass dieses Land und seine Nachbarn unter den Musikregionen Mitteleuropas auf Augenhöhe mit Sachsen und Thüruingen stehen".

Besonders die Rolle Gottorfs sticht dem Fahrdorfer dabei ins Auge. Im Schloss wurde nämlich Musik nicht nur gesammelt, sondern es wurde auch komponiert. Küster weiß: "Maßgebliche Neuentwicklungen fanden hier statt." Etwa das Prinzip, nach dem Bach später sein Weihnachtsoratorium komponiert hat. Dieser Fakt aber ist weitgehend unbekannt. Der Forscher, seit 20 Jahren auf den Spuren vergessener Musik, bedauert, dass man "noch heute große kulturelle Traditionen eher woanders als in Schleswig-Holstein" sucht. Dabei wäre die große lutherische Kirchenmusik "ohne Gottorf nicht denkbar gewesen".

Inzwischen ist die Musik aus den Jahrzehnten vor Bach nach Küsters Einschätzung "zu einem gewaltigen Wachstumsmarkt" geworden; sie klinge "bereichernd", was man besonders gut morgen Abend an Augustin Pfleger erleben könne. Küsters Begeisterung scheint übergesprungen zu sein - der Bund kofinanziert die Konzertreihe. Bei der Geburtstagsfeier von Wolfgang Börnsen im Grundhof-Krug überreichte Bernd Neumann, Berliner Staatsminister für Kultur, eine Förderzusage über 130 000 Euro für dieses und nächstes Jahr. Es können also noch weitere Entdeckungen gemacht werden.