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Schlei-Bote

23. November 2017 | 03:04 Uhr

Lesung : Zwischen Saunawart und Landarzt

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Walter Plathe stellte seine Biografie „Ich habe nichts ausgelassen“ in der Künstlerkneipe „Palette“ vor.

shz.de von
erstellt am 18.Okt.2017 | 07:00 Uhr

Kappeln | Er bahnte sich den Weg durch das Publikum auf die kleine Bühne der „Palette“ und wurde von den 45 Gästen am Montagabend mit viel Applaus empfangen. Lockeres weißes Hemd, schwarze Weste und Hut – vollbärtig, übergewichtig und ein bisschen kurzatmig. Der eine oder andere Zuschauer, der den Schauspieler Walter Plathe noch als feschen Landarzt Dr. Teschner in Deekelsen in Erinnerung hatte, staunte: „Den hätte ich nicht wieder erkannt.“ Aber dann legte Walter Plathe los und las aus seiner Biografie, nein besser, er erzählte aus seinem Leben – bunt, leidenschaftlich, charismatisch und mitreißend. Wieder staunten die Zuhörer, diesmal über unglaubliche Ereignisse, skurrile Mitmenschen und entwaffnende Offenheit.

Plathe fing ganz vorne an und erklärte dem interessierten Publikum, wie er durch „unglückliche Umstände zunächst nicht geboren wurde“. Seine Mutter musste erst 41 Jahre alt werden und Pech mit mehreren Männern haben, bevor ihr Wunsch nach einem Kind erfüllt wurde: „Die Bundesrepublik war schon ein halbes Jahr alt und die DDR gerade gegründet worden, kurz nach der Erfindung der Currywurst und der sowjetischen Atombombe war es endlich so weit. Melitta ging schwanger. Mit mir!“

„Was möchten Sie hören?“, fragte Plathe das Publikum, blätterte durchs Buch und musste, fast egal, wo er hängen blieb, selbst immer wieder lachen. „Ach, das hier ist sehr interessant“, stellte er fest und erzählte lebhaft vom Spektakel seiner Jugendweihe, die in einem ersten, eher unfreiwilligen Besäufnis endete – sehr zur Belustigung seiner Zuhörer. Er machte einen Abstecher über die Schauspielschule zum Militärdienst, bei dem ihm eine hilfreiche Nachtblindheit diagnostiziert und er schließlich Saunawart wurde. „Eine erholsame und sehr entspannte Zeit“, fasste er zusammen. „Als ich später den guten Soldaten Schweijk spielen sollte, hatte ich das Gefühl, einige Episoden schon selbst erlebt zu haben. Wenn ich ein guter Matrose sein wollte, erreichte ich nicht selten das Gegenteil.“

Die 17 Jahre, in denen er die Rolle des „Landarztes“ spielte, hat er in guter Erinnerung. Mit „Peter Palette“, dem Wirt der gleichnamigen Kneipe, Hans-Peter Scholz, verbindet ihn seitdem eine gute Freundschaft. Die beiden Berliner haben sich sofort gut verstanden. „Wir haben uns gesucht und gefunden“, schreibt Plathe. Und hoch her ging es am Montag, wenn die beiden für einige feuchtfröhliche Anekdoten gemeinsam auf der Bühne saßen.

„Das war sehr erfrischend“, sagte Hanne Pischke aus Eckernförde. „Weil er die Biografie so geschrieben hat, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und es ist so schön, dass er sich über seine eigenen Geschichten sowas von freuen kann.“ Volker Hollenberg aus Kappeln gefiel vor allem Plathes „Berliner Schnauze“. „Ich war am Anfang ein bisschen skeptisch, aber das ist sofort verflogen. Es ist ja Wahnsinn, allein schon, was seine Mutter alles erlebt hat. Das spiegelt gut wider, wie bunt die Zeit damals war“, sagte er. Auch der Kappelnerin Ute Sohrt hat die Lesung mit dem Schauspieler gut gefallen. „Es ist ein Zufall, aber ich habe Walter Plathe noch vor ein paar Tagen im Stück „Jacobowsky und der Oberst“ im Theater am Kurfürstendamm erlebt. Es ist lustig, ihn jetzt schon wieder zu sehen“, sagte sie. Vergleichen könne man die beiden Auftritte allerdings nicht, weil er in Berlin ja komplett in eine andere Rolle geschlüpft sei. „Wenn er aus dem eigenen Leben erzählt, ist es etwas ganz Anderes. Schon erstaunlich, wie er sich so ins Leben gekämpft hat.“

Einen alten Bekannten wiedersehen, wollten Anne und Peter Wengel. Peter Wengel hat über die Jahre viele kleine Rollen in der „Landarzt“-Serie übernommen. „Immer, wenn jemand gebraucht wurde, bin ich als Kleindarsteller oder Komparse eingesprungen“, verriet er. Und seine Frau Anne hatte im Restaurant „Aurora“, dem Stammlokal der „Landarzt“-Besetzung, die Schauspieler versorgt und beköstigt.

Ein besonderer Abend war die Lesung von Walter Plathe für Heike Traub. Sie ist ein großer „Landarzt“-Fan und brachte sämtliche DVDs und Bücher mit, damit der Künstler sie signieren konnte. „Ich hab’ alles, was es zum Thema „Landarzt“ gibt“, verriet sie. Die ZDF-Serie, für die Plathe in mehr als 100 Folgen vor der Kamera gestanden hatte, hat großen Einfluss auf ihr Leben genommen. „So bin ich auf die Stadt Kappeln aufmerksam geworden, denn zu dem Zeitpunkt haben wir noch in Bredstedt an der Westküste gelebt. Ich habe dann in der St. Nikolaikirche geheiratet, und vor vier Jahren bin ich mit meiner Familie hergezogen“, berichtete Heike Traub. Und die Lesung? „Ich hatte Walter Plathe noch nie live gesehen. Er hat sich äußerlich sehr verändert, aber die Lesung war einfach super!“

Plathe war lange nicht in der Stadt, aber vergessen hat er Kappeln nie. „Als es in Eckernförde Richtung Kappeln ging, ja, da fühlte es sich ein bisschen wie Heimat an“, sagte er leise. Und noch etwas wollte er los werden: „Die Idee für dieses Buch ist übrigens nicht von mir. Aber ich hab’ so vielen Menschen meine Geschichten erzählt, und die haben alle gesagt: Schreib sie auf, bevor du verkalkst!“

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