Gelungene Integration : Zeynab Jawish: Ziel ist es, in Kappeln zu bleiben

Sie wollen am liebsten in Kappeln leben und arbeiten: Zeynab Jawish und ihr Ehemann Jan Krad sind gut integriert.
Sie wollen am liebsten in Kappeln leben und arbeiten: Zeynab Jawish und ihr Ehemann Jan Krad sind gut integriert.

2015 kam Zeynab Jawish nach Kappeln, inzwischen hat sie eine Anstellung und arbeitet ehrenamtlich bei der Tafel.

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28. Oktober 2020, 16:54 Uhr

Kappeln | Zeynab Jawish ist stolz. Gerade hält sie ihr Zeugnis in der Hand: Sie hat die nächste Prüfung bestanden und darf sich jetzt Helferin in der Pflege (HiP) nennen. 2015 kam sie nach Deutschland – ohne Sprachkenntnisse, ohne Schulabschluss, aber mit ihrem Ehemann Jan Krad und den Kindern. Ihr Wunsch: Hier möchten wir bleiben. Aber der Weg zur unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung war lang und ist noch nicht zu Ende.

2011: Aufbruch in Syrien

Zeynab Jawish ist heute 31 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und den Kindern Hikmat (14) und Fahima (13) im Kappelner Stadtteil Dothmark. Sie ist froh, in Kappeln gelandet zu sein, aber wenn sie an den Weg denkt, den sie und ihre Familie hinter sich haben, bewegt es sie immer noch sehr. Bereits 2011, als der Bürgerkrieg in Syrien begann, hatte die kurdische Familie ihre Heimatstadt Afrin im Nordwesten des Landes verlassen. Fast ein Jahr blieben sie in der Türkei, dann hatten sie etwas Geld gespart um weiterzuziehen. Dass sie nach Deutschland wollten, war ihnen früh klar. Das Boot, das sie nach Griechenland hätte bringen sollen, konnten sie nicht bezahlen. So zogen sie zu Fuß nach Bulgarien, wurden um ihr Geld betrogen und allein zurückgelassen. Tagelang irrte das Paar mit ihren Kinder durch Wälder, die Lebensmittel gingen ihnen aus. Sie wurden aufgegriffen und tagelang ins Gefängnis gesteckt, anschließend wurden sie viele Monate in einer anderen Einrichtung festgehalten. Die Familie überlebte eine Pilzvergiftung, Zeynab Jawish wurde zu einem Schwangerschaftsabbruch gezwungen. Sie ist aufgeregt, wenn sie von ihrer Flucht erzählt. Fast erleichtert berichtet, wie sie 2015 endlich nach Deutschland einreisen konnten. 40 Stunden im Kleinbus, 250 Euro Fahrtkosten pro Person. Gemeldet in Bielefeld, Weiterfahrt in die Landesunterkunft des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nach Neumünster, Fingerabdrücke und Fotos.

2015: Angekommen in Kappeln

„15 Tage sind wir in diesem Heim geblieben und dann – Kappeln“, sagt sie und lacht. Sofort habe man sich um sie gekümmert. Helga Lorenzen, ehemals städtische Fachbereichsleiterin für Ordnung und Soziales, und Olga Lang, Koordinatorin für Flüchtlingsarbeit, seien eine große Hilfe gewesen. Und auch die Flüchtlingspatin Irene Witt hatte der jungen Familie in Kappeln ordentlich auf die Beine geholfen. „Wir haben auch heute noch Kontakt.“

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Aber ihr Kampf ging weiter: Das BAMF wollte sie zurück nach Bulgarien schicken. Viele bürokratische Hürden waren zu nehmen, eine Duldung löste die nächste ab, Schulbesuche wurden nicht genehmigt, es gab Rückschläge. Aber die junge Frau, die mit 15 Jahren von der Schule abgegangen war, um zu heiraten, ließ sich nicht aufhalten. Sie lernte Deutsch – „hier ein paar Worte, da ein paar Worte“ – jobbte in Hotels und im Restaurant. In einem Friseursalon machte sie ein Praktikum, genau wie in einer Arztpraxis. „Frisuren sind mein Hobby, Krankenschwester ist mein Traumberuf“, erklärt sie.

Viele Aufgaben, viele Prüfungen

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Zeynab Jawish lernte für die Sprachprüfung (B1) und bestand, sie nahm Fahrstunden und machte ihren Führerschein, auch eine Prüfung in politischer Bildung kann sie vorweisen. Mona Timm von der Ambulanten Pflege Angeln brachte sie schließlich auf die Idee, den HiP-Kurs zu belegen. Erledigt. Prüfung bestanden. Trotz Corona-Pause. Einen Job hat sie mit dem neuen Abschluss auch schon gefunden. Am Montag, 2. November, fängt die junge Syrerin bei einem Pflegedienst in Damp an. Wenn sie fünf Jahre in Vollzeit gearbeitet hat, bekomme sie endlich die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung – und einen Reisepass. Das ist ihr Wunsch, ihr Ziel, darauf arbeitet sie hin. „Und ich möchte noch mehr lernen. Ich möchte mich weiterbilden“, sagt sie. Um noch besser Deutsch zu lernen, begann sie im Juni ehrenamtlich bei der Kappelner Tafel mitzumachen. Sie hilft bei der Ausgabe und übersetzt, wo es nötig ist. „So habe ich viel Kontakt, und alle dort sind super – die Kollegen und der Chef auch“, sagt sie.

Wir möchten nirgendwo anders leben. Zeynab Jawish
 

Traurig wird Zeynab Jawish allerdings, wenn sie an Afrin, denkt. Die Stadt wurde 2018 von türkischen Streitkräften besetzt, die meisten Kurden wurden vertrieben. Kappeln erinnert sie ein bisschen an die syrische Kleinstadt am gleichnamigen Fluss. „Wir möchten nirgendwo anders leben“, sagt sie. Jan Krad stimmt ihr zu. Er fühlt sich wohl, würde aber gern wieder in seinem Beruf als Fotograf und Kameramann arbeiten. Hikmat geht zur Gemeinschaftsschule und möchte einen technischen Beruf ergreifen, Fahima geht inzwischen auf das Gymnasium und will Medizin studieren. „Sie möchte Kinderärztin werden“, verrät ihre Mutter.

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