Pastor an Weihnachten : Zeitmanagement und gebratener Karpfen

Den Menschen zugewandt: Pastor Witold Chwastek (r.) im Gespräch mit Karl Mühlenbruch während der Weihnachtsfeier im Seniorenheim.
Den Menschen zugewandt: Pastor Witold Chwastek (r.) im Gespräch mit Karl Mühlenbruch während der Weihnachtsfeier im Seniorenheim.

Witold Chwastek aus Fahrdorf spricht über die Freuden und den Stress eines Pastors in der Weihnachtszeit und persönliche Rituale.

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25. Dezember 2014, 11:00 Uhr

In diesem Jahr hat Witold Chwastek zu Weihnachten ungewöhnlich viel Zeit für seine Familie. Der 33-Jährige ist Pastor in der Kirchengemeinde Haddeby und teilt sich den großen Bereich mit Pastor Kai Hansen. In diesen Jahr übernimmt Hansen die Christmette um 23 Uhr, Vikarin Silke Wittmaack ist für die große Christvesper um 17 Uhr zuständig. Chwastek hält um 11 Uhr einem Gottesdienst im DRK-Pflegeheim mit anschließendem Mittagessen, um 15 Uhr folgt noch ein Zusammentreffen im Gemeindehaus mit den Krabbelkindern und ihren Eltern – danach gehört der Rest des Tages seiner Familie – seiner Frau Rike und den Kindern Aaron (2) und Olivia (4). Dann wird Weihnachten gefeiert. „Ich freue mich darauf“, sagt der Familienvater.

Diese Stunden der Entspannung sind für Witold Chwastek und viele seiner Kollegen gerade in der Weihnachtszeit rar. „Zeitmanagement“ ist das Wort, das der Pastor gleich zu Beginn des Gesprächs fallenlässt, um zu erklären, wie er die ganzen Anforderungen des Berufs meistert. Dies verdeutlicht er zudem noch mit einem Spiel, das er auch mit Konfirmanden spielt: In der Gruppe fliegen fünf Jonglierbälle von Person zu Person – und zudem wird noch in Tennisball herumgereicht. Der Tennisball symbolisiert das tägliche Geschäft, Gottesdienste, Konfirmandenstunden, Besuche in den Seniorenheimen, Trauungen, Taufen, Trauerfeiern, zahllose Besprechungen und haufenweise Papierkram. Die fliegenden Bälle stehen für das Unvorhergesehene: Einsätze als Notfallseelsorger, Anrufe von Gemeindemitgliedern, die um ein Gespräch bitten, und viele andere Dinge.

Die Fülle der Aufgaben führt nicht selten dazu, dass sich die Vorbereitungen auf Predigten oder andere Veranstaltungen bis tief in die Nacht hineinziehen. „Meine Frau fragt mich schon gelegentlich, ob ich weiß, wann ich zuletzt die Kinder ins Bett gebracht habe.“ Für Witold Chwastek sind solche Fragen Alarmzeichen. „Ich kann und will nicht jedem gerecht werden“, sagt er. Dennoch widmet er sich den Menschen, mit denen er zu tun hat mit voller Kraft und Konzentration. „Ich gehe mit meiner ganzen Existenz in Gespräche und in Veranstaltungen.“

Diesem eigenen Anspruch immer gerecht zu werden, sei eine Kunst, sagt der Pastor. Mit Zeitmanagement allein ist das nicht zu schaffen. Wie funktioniert es, sich mit Hingabe einem Gespräch mit Trauernden zu widmen und wenig später mit einem glücklichen Paar die Hochzeit zu planen? Das weiß Witold Chwastek auch nicht so ganz genau. „Es ist emotional anstrengend“, sagt er. „Aber es funktioniert. Ich bin dafür da, mich auf Menschen einzustellen.“

Als große Kraftquelle bezeichnet der Pastor aus Fahrdorf seine Familie. Und gelegentlich widmet er sich nur seiner Frau und den Kindern. Dann wird die Tür zum Gemeindehaus abgeschlossen, und Anrufe landen auf dem Anrufbeantworter. Und es gibt noch Zeit, die er mit sich allein verbringt. Dann geht er in den Garten, buddelt in der Erde, schweißt und werkelt. „Etwas mit meinen Händen zu schaffen, ist ein Gegenpol zu meiner sonst sehr abstrakten Arbeit“, sagt er und erwähnt, dass er auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. „Da haben wir schon als Kinder unsere eigenen Fahrräder zusammengebastelt.“

Den Weihnachtstrubel außerhalb seiner Berufs sieht der Theologe gelassen. Und auch die Tatsache, dass Menschen an diesem Tag in die Gottesdienste strömen, die er sonst das ganze Jahr nicht sieht. „Wir machen das Angebot und freuen uns über jeden, der kommt.“

Wenn Witold Chwastek heute am späten Nachmittag zu seiner Familie kommt, ist alles vorbereitet. Den Baum hat er bereits mit seinem kleinen Sohn geschmückt, zu essen gibt es nach polnischer Tradition gebratenen Karpfen. Das Rezept hat seine Frau von ihrer Schwiegermutter übernommen. Die Kinder müssen das Gericht nicht essen, von der Tradition aus seiner Heimat aber will er nicht lassen. „Die möchte ich gern weitergeben“, sagt er.

Die Bescherung läuft wie in allen anderen Familien ab – mit einem kleinen Unterschied. „Den Weihnachtsmann kenne ich nicht“, sagt Chwastek und erklärt das mit seiner Kindheit in Polen. „Zu uns kommt das Christkind.“ Diese Sichtweise will er niemandem in seiner Umgebung aufdrängen. Dass das Weihnachtsfest von heidnischen Einflüssen verändert wurde, stört ihn nicht. „Solange immer noch die Menschwerdung Gottes in diesem Tagen im Mittelpunkt steht, ist das für mich überhaupt kein Problem.“

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