zur Navigation springen
Schlei-Bote

17. Dezember 2017 | 02:11 Uhr

Wohnungssuche mit Widerständen

vom

Christian Stäbe arbeitet in den Kappelner Werkstätten und träumt von eigenen vier Wänden / Viele Vermieter erschweren ihm die Suche

shz.de von
erstellt am 17.Aug.2013 | 07:26 Uhr

Kappeln | Die erste eigene Wohnung ist immer etwas Besonderes. Raus aus den vertrauten Gegebenheiten, rein in ungewohnte Strukturen. Mehr Verantwortung, mehr Konsequenzen, weniger Unterstützung. Und dennoch freuen sich vermutlich die meisten jungen Menschen auf diesen großen Schritt. Christian Stäbe ist einer von ihnen. Der 24-Jährige träumt von einer Zwei-Zimmer-Wohnung für sich und seine Freundin, vielleicht mit einem kleinen Balkon oder Gartenanteil, Küche und Bad. Allerdings entpuppt sich der Weg dorthin für ihn als schwer, viel schwerer als für andere in seinem Alter. Er trifft auf Vermieter, die ihn ablehnen, ohne ihn auch nur einmal gesehen zu haben. Sie wollen ihn nicht. Sie wollen - und was folgt, ist ein Zitat - lieber "normale Menschen".

Christian Stäbe leidet an einer Lernbehinderung. Sein Leben verlief nicht immer geradeaus, er ist hin und wieder gestolpert, hat etliche Umwege genommen. Dann hat er sich entschieden, die Hilfe, die ihm zuteil wurde, anzunehmen. Und seine Chance zu nutzen. Er arbeitet in den Kappelner Werkstätten, im Textildruck, gehört dort zu den stützenden Pfeilern der Produktion. Wenn der Gruppenleiter fehlt, kann Christian Stäbe keinen Urlaub nehmen - so sehr sind sie dort auf den 24-Jährigen angewiesen. "Ich habe mich geändert", sagt der Kappelner. Er ist selbstbewusst, aber nicht überheblich. Er weiß, was er will. Er weiß, vor allem, was er nicht will: als unnormal bezeichnet zu werden.

Es gibt ein paar Dinge, für die Christian Stäbe eben länger braucht als andere. Lesen fällt ihm schwer, das Schreiben läuft nicht einwandfrei, beim Rechnen hat er Probleme. "Aber ich bin auch normal", sagt er. Und er arbeitet an seinen Schwächen, nimmt etwa Unterricht in Rechtschreibung.

Einer, der den 24-Jährigen schon lange kennt, ist Frank Zothe. Zothe arbeitet im Jugendhilfebereich des St. Nicolaiheims, er ist Christian Stäbes Betreuer. Und er sagt: "Es ist so unfair, was Christian passiert." Seit mittlerweile knapp vier Monaten sucht der junge Mann nach einer Wohnung. Die Telefonate mit potenziellen Vermietern überlässt er Kerstin Nissen, einer weiteren St.-Nicolaiheim-Mitarbeiterin. Sie sagt: "Ich schaffe es meistens gerade noch, mich vorzustellen und zu sagen, dass wir eine Wohnung für einen Betreuten suchen - dann heißt es schon: Kein Interesse." Nachgefragt habe so gut wie keiner. Drei oder vier zustandegekommenen Besichtigungsterminen stünden deutlich mehr telefonische Absagen gegenüber. Einer habe gesagt, er wolle einen Mieter vom ersten Arbeitsmarkt, ein anderer erklärt, er bevorzuge einen "normalen Mieter". Kerstin Nissen sagt: "Man hat sofort einen Stempel."

Seit zwei Jahren nimmt Christian Stäbe gemeinsam mit seiner Freundin am sogenannten Trainingswohnen teil. In der Zeit wurde er behutsam vorbereitet auf ein eigenverantwortliches Leben. Er hat gelernt, welche Pflichten eine eigene Wohnung bedeuten, wie man mit Nachbarn umgeht, wie ein geregelter Tagesablauf aussieht. Mit dem Schritt vom Trainingswohnen ins Ambulante Wohnen will er zeigen, dass er es verstanden hat. Frank Zothe sagt: "Wir trauen es ihm absolut zu." Ambulantes Wohnen heißt, dass Christian Stäbe seinen eigenen Mietvertrag unterschreibt, dass er selber den Kühlschrank füllt, selber den Müll rausträgt, selber die Wohnung putzt. So wie jeder 24-Jährige. Die Miete übrigens ist gesichert: Sie kommt regelmäßig vom Grundsicherungsamt direkt auf das Konto des Vermieters. Die Unterstützung des St. Nicolaiheims wird Christian Stäbe derweil erhalten bleiben - allerdings in reduzierter Form. Schließlich soll und will er irgendwann auf vollkommen eigenen Beinen stehen.

Jetzt kämpft er gegen die Widerstände, die er erfährt. Clemens Gallus, Abteilungsleiter des Ambulanten Wohnens, ist selber höchst fassungslos. "In diesem Ausmaß haben wir eine Ablehnung noch nicht erlebt", sagt er. Und das in einer Zeit, in der die Vokabel Inklusion zu einem gesellschaftlichen Schlagwort geworden sei, ihre Umsetzung aber deutlich träger daherkomme. "Statt Barrieren abzubauen, werden welche errichtet", sagt Gallus. Dabei wünscht er sich für Christian Stäbe nur etwas vollkommen Selbstverständliches: "Respekt und Gleichberechtigung." Betreuer Frank Zothe ist überzeugt, dass der 24-Jährige bereit ist für die erste eigene Wohnung. "Er gehört zu denjenigen, bei denen ich ein absolut gutes Gefühl habe." Worte, die Christian Stäbe Mut machen sollen, weiter für seinen Wunsch zu kämpfen. "Ich träume", sagt er, "von einem Vermieter, der sagt: Ich nehm dich so, wie du bist".

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen