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Syrer feiern Weihnachten : „Wir wollen hier dazugehören“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Zum ersten Mal seit ihrer Flucht aus Syrien erlebt Familie Ibrahim Weihnachten in Schleswig – für die Muslime ist es ein vertrautes Fest.

Was er sich zu Weihnachten wünscht? Der sechsjährige Alijan aus Syrien versteckt sein Gesicht ein wenig verlegen hinterm Jackenärmel seiner älteren Schwester, bevor er leise antwortet: „Die Oma!“ Wie seine drei Schwestern auch möchte der Kleine gern, dass die Großeltern zu ihnen in die Lollfußer Wohnung kommen – damit alle gemeinsam Weihnachten feiern können wie früher zu Hause in Syrien. Doch Familienvater Ahmad Ibrahim (35), Nord-Syrer und jetzt Neu-Schleswiger, schüttelt den Kopf. Dieser Wunsch werde nicht in Erfüllung gehen, die Großeltern seien in Qamischli geblieben, einer kleinen syrischen Stadt nahe der türkischen Grenze. Beide seien krank – „das Herz“, sagt Ibrahim. Es fällt auf während unseres Besuches bei Familie Ibrahim, dass materielle Wünsche beim Thema Weihnachten gar nicht zur Sprache kommen, selbst von den Kindern nicht. Spürbar hingegen ist bei Ahmad und Ehefrau Hivin Nader, die erst vor einigen Monaten mit den Kindern nach einer längeren Flucht-Zwischenstation in Beirut ihrem Mann folgen konnte, viel Dankbarkeit. Aber auch fröhliche Zuversicht. Dankbar, heil in Schleswig angekommen zu sein. Zuversichtlich, dass man sich hier eine Zukunft aufbauen kann. „Schleswig hat mich sofort an meine Heimatstadt Qamischli erinnert, wir fühlen uns sehr wohl hier.“

Und nun also das erste Weihnachten, das die muslimische Familie Ibrahim im evangelisch geprägten Schleswig feiert. Wie gehen die Ibrahims mit dem Fest unter christlichem Vorzeichen um? Wie erleben sie – und die anderen vorwiegend muslimischen 330 Flüchtlinge, die derzeit in Schleswig leben – die weihnachtlichen Bräuche? Die syrische Antwort birgt einiges Überraschende.

Denn Ahmad und Hivin Ibrahim sagen: „Wir lieben Weihnachten und feiern es hier ebenso wie bei uns zu Hause. Wir freuen uns vor allem, dass wir Weihnachten in Frieden erleben dürfen.“ Gefeiert wird mit Freunden und Nachbarn, mit geschmücktem Tannenbaum, Geschenken und Naschereien.“ Syrische Weihnachten mit Tannenbaum aus echten grünen Nadeln?

Hat man gedacht, dass den meisten Muslimen Weihnachten wenig bedeutet, weil sie religionsgemäß auf ihre islamischen Feiertage schauen – so geht das offenbar an der Wirklichkeit vorbei. Unser Übersetzer Mohammed Seif nimmt zur Bestätigung sein Smartphone zur Hand und zeigt uns den Tannenbaum, den er vor der Flucht in seiner Wohnung in Damaskus aufgestellt hatte. Als Designer habe er Freude daran gehabt, den Baum bunt zu dekorieren. „Wir Syrer mögen die Weihnachtsbräuche, wir finden das romantisch“, sagt er und klärt uns weiter auf: Bevor der Bürgerkrieg 2011 losgegangen sei, habe Damaskus zu Weihnachten im Lichterglanz gestanden. Alle Geschäfte und Straßen seien geschmückt gewesen. Christen, Muslime und andere religiöse Minderheiten hätten als Nachbarn gemeinsam Weihnachten gefeiert. Davon erzählt auch Ahmad Ibrahim, der Kurde ist: Dies sei selbstverständlich gewesen, als noch Frieden herrschte. Syrien gilt als ein religiös-ethnischer Flickenteppich. Das heißt: Mehrheitlich sind die Syrer sunnitische Muslime. Etwa zehn Prozent sind Christen verschiedener Konfessionen. Dann gibt es die Alawiten, eine Abspaltung der Schiiten, sowie Minderheiten aus Juden, Drusen und Jesiden. „Und sie alle haben sich untereinander bestens vertragen, haben zusammen gesessen und gefeiert – bis der Bürgerkrieg kam und Assad meine Träume für die Zukunft zerstört hat“, meint Mohammed Seif. International und weltoffen zeigen sich die Syrer denn auch bei weihnachtlichen Bezeichnungen. So nennen die Kinder den Weihnachtsmann meist auf französisch Papa Noel, und das englische Merry Christmas hat sich als syrischer Weihnachtsgruß fest eingebürgert.

Und beim Weihnachtsessen? Da gibt es offenbar weniger Kompromisse mit dem Abendland. Hivin Ibrahim verrät was bei der Familie heute Abend auf den Tisch kommt: „Es gibt Mansaf, ein leckeres Reisgericht mit Paprika, Curry, Lamm und Rind.“ Obstsalat mit Nutella als Dessert hat sich die elfjährige Tochter Ahin gewünscht. Das zurückhaltende Mädchen besucht die Schleswiger Dannewerkschule und möchte später studieren, wie sie leise sagt.

Dass Religion Privatsache ist und nicht zwischen Menschen zu stehen hat, zeigt Familie Ibrahim im Alltag. So hat sie jetzt Nesthäkchen Sevin im evangelischen Kindergarten Hornbrunnen angemeldet. Vater Ahmad sagt: „Das ist selbstverständlich. Wir wollen hier dazugehören.“

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