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Einwohnerversammlung in Kappeln : „Wir müssen an einem Strang ziehen“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Die Einwohnerversammlung zur Flüchtlingsfrage bot eine Fülle an Informationen – unter anderem: Kein Asylbewerber beging in Kappeln eine Straftat.

Neun Experten auf dem Podium, 170 Besucher im Saal und nur ein einziges Thema: Flüchtlinge. Auf der Einwohnerversammlung am Mittwochabend in der Koslowski-Halle zeigte sich Kappeln von einer guten Seite: Eine gut vorbereitete Veranstaltung, Diskussionsteilnehmer, die sich strikt an ihre Redezeit hielten, Dagmar Ungethüm-Ancker die als Bürgervorsteherin die Einwohnerversammlung souverän moderierte und nicht zuletzt ein engagiertes, aber sachliches Publikum.

Helga Lorenzen eröffnete den Reigen der Kurzvorträge. „Es ist eine große Aufgabe für uns alle, die Flüchtlinge zu integrieren“, sagte die Ordnungsamtsleiterin. Laut Lorenzen hat Kappeln allein in diesem Jahr bislang 119 Flüchtlinge aufgenommen, es würden aber voraussichtlich noch über 60 hinzukommen. Doch nicht nur die Menge sei eine Herausforderung, auch die Herkunft aus unterschiedlichsten Staaten. So stammten diese Flüchtlinge aus neun Staaten von Syrien bis Somalia. Lorenzen: „Unser Ziel ist es, die Menschen dezentral unterzubringen. Integration klappt nur, wenn jemand Nachbarn hat, die sich kümmern.“

Stadtvertreterin Marta Kraft war eine der drei Initiatoren für das Projekt „Hand in Hand – Paten für Flüchtlinge in Kappeln“. Im März 2013 hatte sie sich mit dem Sozialausschussvorsitzenden Helmut Schulz und Propst Helgo Jacobs an einen Tisch gesetzt, um die Paten zu unterstützen und zu schützen. „Wir waren landesweit die ersten. Als noch niemand über Willkommenskultur nachdachte, da hatten wir sie schon“, so Kraft. Helmut Schulz ermunterte dazu, Pate zu werden: „Dafür braucht man keine Englisch-Kenntnisse, sondern nur gesunden Menschenverstand.“ Die Vorteile der Paten kennzeichnete die Koordinatorin der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe, Olga Lang. So gebe es für die Paten Unfall- und Haftpflichtversicherung, einen monatlichen Austausch und Schulungen. „Doch die größte Motivation für einen Paten sind Aufmerksamkeit und Anerkennung von Flüchtlingen“, so Lang.

Das Aufgabengebiet eines Paten erläuterte Klaus Pusch. Danach gilt es, die Menschen zu empfangen, ihnen ihre Wohnung zu zeigen, mit ihnen das erste Geld zu holen. Des Weiteren würden die Paten die Asylbewerber mit der Stadt und ihren Einrichtungen vertraut machen. Und schließlich würden sie ihnen auch die Mülltrennung, die Haus- und Mietsordnung oder die Bedeutung der deutschen Sprache erklären. Pusch: „Doch Sie sind weder deren Buddy oder Animateur noch deren Taxifahrer.“ In puncto Integration war er optimistisch: „Kappeln ist die Stadt der kurzen Wege und der Menschen, die sich kennen. Das ist der ganz große Vorteil dieser Stadt.“

Helga Ramge unterrichtet Deutsch für Flüchtlinge. Anfangs gab es zwölf Schüler, jetzt beträgt allein die Zahl der Lehrer zwölf. Der Unterricht sei schwierig. So müsse man manchen Schülern klar machen, dass sie zum Unterricht kommen müssen. Auch Regeln im menschlichen Umgang versucht sie zu vermitteln. Doch auch sie musste lernen. „Meine erste Stunde ging nahezu komplett baden, weil die Schüler meine Schrift nicht lesen konnten.“ Nun setzt Ramge auf eigenes Material für Flüchtlinge.

Propst Helgo Jacobs sagte: „Wir sollten den Menschen Respekt entgegenbringen, aber auch die eigenen Gebräuche nicht vergessen.“ Die Terroristen gewönnen nur im Kopf, wenn man sich den Flüchtlingen nicht zuwende. „Wir brauchen Leute, die ihnen helfen. Wir brauchen vor allem aber auch eine wirtschaftliche Perspektive“, so Jacobs.

Zu den wirtschaftlichen Aussichten sagte Kai-Ingwer Bendixen von der Arbeitsagentur: „Die Arbeitsagentur kann den Flüchtlingen eine gute Perspektive bieten.“ Arbeit sei zudem wichtig für die Integration. Die Flüchtlinge bedeuteten aber auch eine Chance für Wirtschaft und Bürger vor Ort. „Allein in Kappeln“, so Bendixen, „sind über 1000 Sozialversicherungsbeschäftigte über 50 Jahre alt.“ Er meinte: „Es kommt darauf an, dass wir alle an einem Strang ziehen.“ Zum Thema Flüchtlinge und Sicherheit äußerte sich der Leiter des Polizeireviers Kappeln, Christian Lutter. „Flüchtlinge fallen in Kappeln nicht durch Straftaten auf“, sagte er.

Auch das Publikum meldete sich zu Wort. So wollte Pate Hugo Haas wissen, warum zwischen Flüchtlingen aus sicheren und unsicheren Herkunftsländern bei Sprachkursen differenziert würde. „Ich empfinde das als Diskriminierung.“ Helga Lorenzen antwortete, dass dies die Gesetzeslage sei und Ramges Sprachkurse allen offen stünden.

Ungethüm-Ancker bezeichnete die Awo und die Tafel als weitere große Bausteine in der Flüchtlingsfrage. Auch diese Vereine stünden beispielhaft dafür, wie gut Kappeln in dieser Frage aufgestellt sei. „Wir können den Flüchtlingen nur unsere Türen öffnen“, sagte die Bürgervorsteherin. „Durchgehen müssen sie selbst.“ Fürs Podium konnte an diesem Abend noch kein Flüchtling gefunden werden. Integration ist eben ein langer Prozess. 

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erstellt am 26.Nov.2015 | 19:28 Uhr

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