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Schlei-Bote

22. September 2017 | 08:14 Uhr

Originale : Wilder Kerl mit Faible für Stahl

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Andi Feldmann lebt seit 35 Jahren in Ulsnis: Wenn er nicht mit dem Motorrad durchs Dorf knattert, baut er am liebsten schräge Kunstobjekte.

von
erstellt am 12.Apr.2014 | 12:45 Uhr

  Sie sorgen nicht unbedingt für Schlagzeilen, sind aber in ihrer Heimat bekannt wie ein bunter Hund: In unserer neuen Serie porträtieren wir gemeinsam mit der Fotografin Susanne Panozzo Menschen, die auf ihre ganz eigene Art unverwechselbar sind. Weil sie echte Typen sind – Originale eben.

 

Arme Waldfee Nr. 1. Die anderen stehen drinnen, im Flur, sogar im Wohnzimmer. Und sie im kalten Schuppen. Beschweren muss sie sich aber trotzdem nicht. Schließlich hat Andi Feldmann in den vergangenen zwei Jahren die meiste Zeit mit ihr verbracht. Sie zu einer seiner schönsten gemacht. Waldfee Nr. 1 ist ein Motorrad, wurde von dem Ulsnisser selbst entworfen und zusammengeschraubt. Und mit den vielen anderen ist sie seine ganz große Liebe. Neben Susi, seiner echten Freundin, versteht sich.

In der Küche stehen keine Motorräder. Dafür Tausende andere schöne Sachen. Natürlich hängt an der Wand ein „Werner“-Kalender. Die Filme, sein Bruder Röttger alias Brösel und er sind unzertrennlich. Das wird auch immer so bleiben. Andi schrieb die Drehbücher, und eine gezeichnete Version von ihm erlebt in den Filmen ziemlich bekloppte Dinge. Doch Andi ist eben nicht nur Werner. „Das ist ja nun auch abgeflaut“, sagt er.

Im Mai wird er 57. In Ulsnis lebt er seit 35 Jahren. Und natürlich hat er sich das Dorf als neues Zuhause nicht ausgesucht, indem er den Wohnungsmarkt studiert und eine gut überlegte Auswahl getroffen hat. Er hat sich für den Umzug die Schneekatastrophe 1979 ausgesucht, „ein komischer Zufall“. Seine Wohnung in Flensburg glich dank der Nachbarin von oben einem Swimming Pool, wohin also? Eine Freundin bot ihm in ihrer WG auf dem Ulsnisser Tönnsen-Hof ein Zimmer an. Weil der Zug wegen der Schneemassen nicht weiter kam, ging es zu Fuß von Süderbrarup dorthin. Und da kam er erstmal unter – 21 Jahre lang.

„Für die anderen Leute waren wir die rauschgiftsüchtigen Bombenleger, dabei waren wir immer ganz friedlich“, sagt er, und lacht. Auf seinen Motorradtouren kam er oft an jenem Haus vorbei, das er im Jahr 2000 kaufte. Dicht am Wald, Idylle pur. Seit er hier lebt, ist Stahlkunst sein „richtiger Beruf“. Aus Stahl macht er alles: Im Boden versenkbare Fernsehregale, Zäune, Spiegel, Türgriffe, Briefkästen… alles für sich einzigartig, ein wenig verrückt. Eine Kreatur liegt ihm besonders am Herzen: Sein Riese, den er für die Gemeinde schuf und für den er monatelang Entdeckungen von Schrottplätzen verarbeitete. „Da kann man stolz drauf sein, oder?“

Viel Liebe und Arbeit steckt aber auch in seinem Zuhause. „Das ist ein Traum hier“, sagt er und blickt aus dem Fenster. Gerade streift Kater „Heine“ durch den Garten, an einem Stahlbaum vorbei in Richtung Dusch-Turm, auch aus Stahl. „Hier kann ich jederzeit hämmern, Motorräder laufen lassen oder Party machen.“ Draußen ist alles aufgeräumt, wie drinnen. Andi weiß, wie er sein Reich in Ordnung hält – auch mit Motorrädern neben der Couch. „Die sind für mich wie Möbelstücke.“ Manchmal fragen ihn Leute, ob sie das Haus sehen dürfen. „Und dann kriegen die Schreikrämpfe, wenn sie die Motorräder entdecken.“ So was ist für ihn ein großer Spaß. Er hat es auch schon fertig gebracht, mit einem Moped mit Anhänger, darauf ein brennender Grill, zu einem Freund zu brausen – die Dorfbewohner hätten nur mit dem Kopf geschüttelt. „Das war ’ne Mega-Rauchwolke hinter mir.“

Selbst das Cappy auf dem kreativen Kopf stellt klar: „BSA – Beste Schüssel Auffewelt“, aber Andi ist nicht nur „ein Biker ohne Club“. In der warmen Zeit des Jahres fährt er meist mit seinem Austin Healey von 1956 durchs Dorf und die Lande. Den hat er auf einem Schrottplatz in San Diego gefunden und zu sich nach Ulsnis geholt. Seit einer halben Ewigkeit restauriert er alte Autos, jetzt fährt er ab und zu auch einen BMW Kombi – auch ein Andi Feldmann wird älter. Er spielt auch nicht mehr in der „Fuckin’ Kius Band“ oder mit „The Golden Eckats“, das war einmal. „Ich bin immer frei, verrückt und unvernünftig gewesen“, gibt er zu. Gewesen? „Ach, ich bin ja irgendwie doch ’ne lebende Comic-Figur. Mir ist es egal, was andere denken. Ich bin wie ich bin, lebe ungeniert.“ Da ist es wieder, das verschmitzte, aber liebevolle Lachen.

Andi lebt zwar außerhalb, aber nicht einsam, blickt auf viele Dinge zurück, ist aber immer noch zu allen Schandtaten bereit. „Da kann noch ’ne Menge kommen. Ich tüftel ja am liebsten rum.“ Sein großer Traum ist es, einen eigenen Hot Rod zu bauen. Vielleicht kommt da ja ein Kühlschrank rein, denn Bier, das trinkt er heute noch genauso gern wie früher. Er ist glücklich. „Ich denke positiv, helfe gerne anderen. Und hier sind alle lieb zu mir.“ Und wenn man ihn da sitzen sieht, am rustikalen Tisch vor seinem Küchenfenster, meint man zu wissen: Selbst wenn all das, was hinter ihm liegt, nicht wäre, ob Dorf-WG, Werner, Waldfee oder Riese: Man hätte ihn genauso gern.

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