Einzelhandelsgutachten : Wie sich Investoren anlocken lassen

Kappeln muss die Konkurrenz fürchten: Laut Einzelhandelsgutachten orientieren sich viele mit ihrem Einkaufsverhalten nach Flensburg und Eckernförde.
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Kappeln muss die Konkurrenz fürchten: Laut Einzelhandelsgutachten orientieren sich viele mit ihrem Einkaufsverhalten nach Flensburg und Eckernförde.

Der Wirtschaft liegt eine umfangreiche Analyse des Kappelner Einzelhandels vor. Einige erhoffen sich davon einen Anstoß zur ganzheitlichen Veränderung.

Rebecca_Nordmann-7304.jpg von
13. März 2014, 07:30 Uhr

102 Seiten im DinA4-Format, viel Text, wenig Bilder, hin und wieder eine Grafik – so sieht sie aus, die neue Bibel für Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Dahinter versteckt sich ein Gutachten, eine Analyse, die den Status quo des Einzelhandels in der Schleistadt beschreibt und Perspektiven eröffnen will. Und auch wenn allein der Terminus Gutachten gemeinhin eher wenig Dynamik und Frische verspricht, soll das Papier nicht weniger leisten, als Eindeutigkeit zu verschaffen, es soll Verbindlichkeiten festzurren und Grenzen aufzeigen. Eben Regeln festlegen, die das für eine Stadt mitunter überlebenswichtige Spiel um Investoren und brachliegende Potenziale erleichtern.

Zumindest bei zwei Personen ist das Einzelhandelsgutachten aus dem Hause Dr. Lademann & Partner, eine Hamburger Unternehmens- und Kommunalberatung, bislang gut angekommen. „Der Wirtschaftskreis hat so etwas schon lange eingefordert“, sagt Stefan Lenz. Der Vorsitzende des Wirtschaftskreises „Pro Kappeln“ (WPK) erkennt darin Grundlagen, die beschreiben, wie auf Politik- und Verwaltungsebene künftig gehandelt werden soll, wenn etwa Anfragen für ein neues Nahversorgungszentrum oder einen Erweiterungsbau eines bestehenden Geschäftes vorliegen. „Man muss nicht mehr aus dem Bauch heraus entscheiden“, sagt Lenz. Bürgervorsteherin Dagmar Ungethüm-Ancker besteht deshalb darauf, das Gutachten „nicht in der Schublade verschwinden zu lassen“. Sie nennt das Papier „eine angenehme Verhandlungsbasis mit großer Verlässlichkeit“ im Gespräch mit potenziellen Investoren.

Und auch für die schon existierenden Händler in der Stadt könnte das Gutachten ein Leitfaden sein. In Stefan Lenz’ Augen sind sie eine von drei Säulen, denen das Papier ein Fundament bauen will. „Es geht zum einen um die Frage, wie der Einzelhandel in die ganzheitliche Vision für Kappeln einzubetten ist“, sagt der WPK-Vorsitzende. „Zum anderen geht es darum, sich schon vor der Entscheidung, neuen Handel zuzulassen, die Auswirkungen auf den Rest vor Augen zu führen. Und schließlich sind unsere jetzigen Unternehmer gefragt, rechtzeitig den Weg zu veränderten Potenzialen einzuschlagen.“

Beispiel: An mehreren Stellen führt das Gutachten den demografischen Wandel an und folgert daraus, dass etwa aus einer frühzeitigen Anpassung des Einzelhandels ein Wettbewerbsvorteil entstehen kann. Gleichwohl erkennt das Gutachten vor allem in den Städten Flensburg und Eckernförde starke Konkurrenzstandorte für Kappeln und sein auf 35.000 Menschen beziffertes Marktgebiet. Aus einer Umfrage leiten die Verfasser daher auch eine in der jüngeren Vergangenheit erheblich gewachsene Orientierung des Kappelner Umlandes hin zu den beiden genannten Städten ab. Weiterer Aspekt: Kappelns Händler profitieren nach eigenen Worten zwar deutlich vom Tourismus, gleichzeitig macht ihnen die starke Saisonabhängigkeit aber auch zu schaffen – Tourismus also als Stärke und Schwäche der Stadt.

Stefan Lenz verhehlt nicht, dass er sich von seinen WPK-Mitgliedern basierend auf dem Gutachten wünscht, dass sie sich selber kritisch hinterfragen. „Der Schutz der Innenstadt ist berechtigt“, sagt Lenz. „Aber nur, wenn die Händler bereit sind, Veränderungen einzugehen und sich auf andere Möglichkeiten einzulassen.“ So könnte sich etwa ein Buchhandel mehr zu einer Begegnungsstätte entwickeln, in der bei einer Tasse Kaffee gemütlich gestöbert wird. „Es geht darum, neue Methoden zu entwickeln“, sagt Lenz. Er sagt aber auch: „Wir rechnen mit Widerstand.“

Mindestens ebenso gefordert sind aber auch die Bürger. Dagmar Ungethüm-Ancker formuliert es so: „Unsere Einwohner müssen wieder schätzen lernen, was sie an dieser Stadt haben.“ So sei etwa Nahversorgung auch per Rad in der Innenstadt dank Bäckerei, Fleischerei, Obsthändler möglich. Auf keinen Fall wolle man die Stadt daher auf einen touristisch geprägten Ort reduzieren. Lenz ist überzeugt: „Wir müssen auch für die Region Zentrum bleiben. Die Touristen sind nur das Sahnehäubchen obendrauf.“

Das Gutachten spielt mit der Idee, ein „Einkaufszentrum Kappeln“ gemeinsam zu vermarkten, und auch Stefan Lenz gefällt der Gedanke von Kooperationen und Synergien. „Vielleicht muss man auch mal darüber nachdenken, nicht alle gastronomischen Betriebe im Winter offen zu halten“, sagt er. Verzahnung sei wichtig.

Lenz und Ungethüm-Ancker hoffen darauf, mithilfe des Gutachtens Bewegung in den Einzelhandel zu bringen – unabhängig davon, ob das Papier begrüßt oder angezweifelt wird. Lenz sagt: „Wenn alle erkennen, dass damit Veränderung möglich ist, war alles richtig.“

> Im Foyer der Kappelner Werkstätten wird das Gutachten am Donnerstag, 20. März, ab 18.30 Uhr den politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen der Stadt vorgestellt und mit ihnen diskutiert. An gleicher Stelle hält der WPK ab 20 Uhr seine Jahresversammlung ab, es stehen Wahlen (darunter des Vorsitzenden und des Kassenwartes) und Berichte an.

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