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Wie eine Familie aus Kappeln unter den Nazis litt

vom

Der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar soll an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern - wie die jüdische Familie Eichwald aus Kappeln. Als sie ins Visier der Nazis geriet, galt ihre ganze Sorge den Kindern. Kurt, Erik und John wurden 1938 mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit gebracht. Der Briefwechsel zwischen den Kindern einerseits und den Eltern und Großeltern andererseits zeugt von den Ängsten und Hoffnungen der Familie.

shz.de von
erstellt am 27.Jan.2009 | 09:56 Uhr

Kappeln | "Es war ein sehr tränenreicher Abschied. Meine Mutter nahm mir das Versprechen ab, daß ich auf meine beiden jüngeren Brüder aufpassen würde. Damals wußte ich nicht, daß wir bald in England verschiedene Wege gehen würden. Ich glaube, daß dort im Zug etwa 200 Kinder waren, und sie wurden vornehmlich von ihren Müttern verabschiedet, da ihre Väter vorher bereits in die Konzentrationslager gebracht worden waren." - Dies ist ein kurzer Auszug aus den Lebenserinnerungen von John Eichwald, der bald nach seiner Emigration nach England einen neuen, nicht deutsch klingenden Namen annahm: Johnny Blunt.

Ein Sonderzug der Reichsbahn brachte die Kinder zunächst nach Hoek van Holland. Nach stürmischer Überfahrt mit der Mitternachtsfähre drückte am 2. Dezember 1938 der "Immigration Officer" im britischen Hafen Harwich seinen Stempel in die Einreisepapiere der jungen Flüchtlinge aus Deutschland. Dieser administrative Akt bedeutete zugleich einen tiefen Einschnitt in das erst kurze Leben der jungen Menschen. John, der älteste der drei Eichwald-Söhne, war damals 15, Erik war zwölf und Kurt erst zehn Jahre alt.

Die auf diese Weise entzweite Kappelner Familie blieb weiter in Verbindung, indem sie eine intensive Korrespondenz pflegte. Wichtigste Bezugsperson auf englischer Seite war John. Als der direkte Briefkontakt erschwert wurde, wählte man auch schon mal den Umweg über Verwandte in Kopenhagen, die dann Briefe oder Informationen weiterleiteten nach England oder nach Kappeln, später, nach dem Umzug der Eichwalds, auch nach Hamburg. Die Briefe, die die Eltern und Großeltern nach England schickten, sind im Gegensatz zu jenen der Kinder weitgehend erhalten. Denn: Die in Deutschland zurückgebliebene ältere Eichwald-Generation wurde von der Vernichtungsmaschinerie der Nazis total verschlungen und ausgelöscht.

Dabei war in den Briefen immer wieder die Hoffnung durchgeklungen, dass die Familie bald wieder vereint sein würde. Denn die Eichwalds in Deutschland ließen nichts unversucht, John, Erik und Kurt zu folgen. So schrieben die Eltern Richard und Emilie am 10. Januar 1939 ihrem ältesten Sohn: "Ich (die Mutter) habe schon eine Aufenthalts-Erlaubnis in Dänemark bekommen, aber Papa kann leider nicht mitkommen, deshalb versucht Papa nach Schweden zu kommen, bis wir wissen, ob wir gemeinsam nach England fahren können. Hast Du Dich schon erkundigt, ob die Eltern auch rüberkommen können? Wir wollen ja zu gerne bald zu Euch fahren. (...) Die liebe Mutti und ich (der Vater) haben nur den einzigen Wunsch, recht bald wieder mit Euch vereint zu sein, und hoffen, daß wir auch recht bald nach dort kommen können." Die Eltern waren zuversichtlich, dass es ihnen gelingen würde, eine Einreisegenehmigung für England zu bekommen und belegten in Hamburg bereits einen Sprachkursus: "Mit Gottes Hilfe werden auch wir einmal das Glück haben, nach England zu kommen, und wir werden dann gemeinsam unser Familienglück wieder aufbauen."

Erste resignative Töne klangen in einem an die Söhne Erik und Kurt gerichteten Brief vom 17. Dezember 1939 an: "Nun seid Ihr schon über ein Jahr dort und habt Euch wohl gut eingelebt. Wir hatten bestimmt gehofft, inzwischen bei Euch zu sein, aber es sollte wohl nicht sein. Möge unser Wunsch in Erfüllung gehen, daß wir im kommenden Jahr wieder vereint werden, es ist wohl Euer und auch unser sehnlichster Wunsch." Während es einigen Verwandten und Freunden inzwischen gelungen war, sich ins Ausland zu retten, warteten die Eichwalds vergebens auf eine solche Möglichkeit. Im Oktober 1941 traf bei ihnen eine Hiobsbotschaft ein: John informierte seine Eltern, dass Erik in einem britischen Sanatorium an Tuberkulose gestorben war, und tröstete sie mit dem Versprechen: "Wenn der Krieg vorbei ist, fahren wir alle zum Friedhof und besuchen sein Grab."

Der Kontakt zwischen den Jungen und ihren Eltern war mit deren Deportation am 8. November 1941 jäh abgerissen. Die letzte Nachricht - ein so genannter DRK-Kurzbrief - stammte vom 26. Oktober 1941 und war an John gerichtet, der inzwischen nach Glasgow gegangen war, um den Beruf des Kochs zu erlernen: "Von Kurt die tieftraurige Botschaft, daß unser geliebter Erik erlöst ist. Hast Du Erik noch gesprochen? Halte Dich gesund! Grüße - Küsse, Mutti - Papa." Nach dem Abtransport der Eltern nach Minsk hielten zunächst noch die Großeltern die Verbindung mit John und Kurt aufrecht.

In einem Geburtstagsgruß an John - wiederum über das Deutsche Rote Kreuz - unterrichteten Alfred und Emma Eichwald ihren 18 Jahre alt gewordenen Enkelsohn über die Deportation der Eltern, ohne allerdings Angaben über deren Aufenthaltsort und Schicksal zu machen. In dem erst am 7. Januar 1942 und damit mit dreimonatiger Verzögerung eingegangenen Brief heißt es: "Senden Grüße Deiner Eltern, die nicht mehr in Hamburg sind, werden bald Nachricht geben. Hoffen Dich gesund. Herzliche Geburtstagsgrüße und Küsse. Antworte bald."

Das letzte überlieferte Lebenszeichen der Großeltern ist ein Kurzbrief vom 23. Mai 1942 an Kurt: "Hast Du auch von Eltern keine Nachricht? Habe Gottvertrauen, daß wir uns alle wiedersehen. Sind gesund. Küsse." Kurt und John sahen ihre Eltern und Großeltern nie wieder.


Der Kindertransport
Nachdem sich die antijüdische Politik der Nationalsozialisten mit dem Novemberpogrom 1938 dramatisch verschärft hatte, öffnete London seine Grenzen für jüdische Kinder und Jugendliche. Im Rahmen dieser unter dem Begriff „Kindertransport“ bekannt gewordenen Rettungsaktion emigrierten etwa 10 000 junge Leute aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei nach England. Dort wurden sie in Heimen, Internaten und Pflegefamilien untergebracht und betreut. Die meisten sahen ihre Eltern nie wieder. Oftmals waren sie – wie im Falle der Eichwalds aus Kappeln – die einzigen aus ihren Familien, die den Holocaust überlebten.

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