zur Navigation springen
Schlei-Bote

18. Oktober 2017 | 11:44 Uhr

Wertvolle Hilfe, um Löcher zu stopfen

vom

shz.de von
erstellt am 02.Aug.2013 | 03:59 Uhr

Kappeln, Anfang Juli 1916

Mein geliebter Carl,

ich fürchte, dass auch Deine detaillierten Beschreibungen des furchtbaren Kriegsgeschehens unseren Sohn nicht abschrecken können. Jetzt ist er wieder bei der Erntearbeit und zum Glück am Abend so müde, dass er gleich einschläft. Die Familien, die einen oder mehrere Angehörige im Krieg verloren haben, werden jetzt auch in Kappeln immer zahlreicher. Wertvolle Hilfe für diese Bedürftigen kam von unerwarteter Seite. Der Lehrer Richard Albert aus Mehlby hatte schon Ende Januar den "Vaterländischen Frauenverein" im DRK gegründet und viele Gleichgesinnte um sich geschart. Das Ergebnis seiner unermüdlichen Sammeltätigkeit sind 5000 Goldmark. Die werden helfen, die schlimmsten Löcher zu stopfen, ehe der nächste Winter kommt.

Leider fehlt es inzwischen an Vielem. Seife und Waschmittel sind knapp, Meta schaut in ihrem Kräuterbuch nach, wie Seifenkraut aussieht und ob man es zum Waschen benutzen kann. Julchen scheint Schmutz nichts auszumachen, sie stopft alles in sich hinein, was ihr vor die immer schmuddeligen Fingerchen kommt. Das Vieh hungert, die Weiden sind kahl, weil es lange nicht geregnet hat, nun soll Reisig zugefüttert werden und sogar Entengrütze. Das wenige Heu, das geerntet werden konnte, geht an die Front zu den Kriegspferden. Der Seebäder-Verkehr an der Ostsee ist zwar noch erlaubt, aber wer denkt in diesen Notzeiten an Urlaub ? Was uns am härtesten traf, war die Einberufung unseres lieben Arztes Dr. Spliedt, er konnte mit Julchen so wunderbar umgehen, wenn sie krank war, und sogar meine Mutter schwärmte von ihm. Wir werden seine helfenden Hände sehr vermissen. Mehr noch vermisse ich dich, wann wirst du endlich bei uns sein ? Es sind fast zwei Jahre ! In Liebe, Wilhelmine

Feld-Lazarett bei Verdun , Ende Juli 1916

Meine Liebste,

ich bin im Lazarett, nur leicht verwundet, ein glatter Durchschuss im Bein, aber hoher Blutverlust und deshalb pflegebedürftig. Mach Dir bitte keine Sorgen. Neben mir lag ein Junge aus Kappeln, der mich bat, einen Brief für ihn an seine Eltern zu schreiben. Aber ehe er mir deren Namen sagen konnte, starb er. Vielleicht kannst du die Eltern ermitteln. Er hieß Peter Bruhn oder Bruhns, war gerade 18 Jahre alt und sprach von einem Bauernhof in der Nähe Kappelns, von wo man die Schlei sehen kann. Sicher wird man von der Heeresleitung aus die Eltern verständigen, mit dem üblichen Sermon aus "Heldentod, Hingabe, Pflicht-Erfüllung und vorbildlicher Tapferkeit bis zuletzt".

Dass Du den Hinterbliebenen ausreden sollst, ihre Toten nach Hause zu holen, das kann ich mir gut vorstellen. Wenn Du wüsstest, wie lange die Gefallenen hier einfach zwischen den Fronten liegenbleiben müssen, weil jeder Versuch sie zu bergen, tödlich enden würde, da verstündest Du, dass sie kaum noch identifiziert und schon gar nicht überführt werden können. Dies Schicksal möge mir erspart bleiben,

Dein Carl

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen