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Kappelner TaFEL : „Wer selber kämpft, gibt auch gerne“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Burkhard Rautenberg gibt nach fünf Jahren den Vorsitz der Kappelner Tafel auf und zieht nach Oberbayern.

shz.de von
erstellt am 25.Feb.2017 | 08:00 Uhr

„Ach du grüne Neune.“ Burkhard Rautenberg ist das, was man überrumpelt nennt, als sein Tafel-Team ihn gestern Mittag mit einem Ständchen, einer Torte und einem Pokal verabschiedet. Und als das Lied ausgeklungen ist, muss er sich auch erstmal eine Träne aus dem Auge wischen. Nach fünf Jahren gibt Rautenberg den Tafel-Vorsitz auf, er verlässt Kappeln Richtung Süden aus gesundheitlichen Gründen. Heute ist sein letzter Tag.

Herr Rautenberg, bevor es die Tafel in Kappeln gab, haben Sie bereits bei „Tischlein deck dich“ mitgearbeitet. Was war Ihr Grund, sich ausgerechnet für diese Projekt zu engagieren?

Ich bin selber in die Bedürftigkeit geraten, wollte aber nicht von meiner Tochter finanziert werden. Aus meiner Wohnung habe ich dann immer auf die Essensausgabe geguckt, meine Scham war aber zu groß, dort hinzugehen. Also habe ich einfach gefragt, ob dort Hilfe benötigt wird. Mein Gedanke: Wenn ich etwas gebe, meine Arbeitsleistung, würde es mir auch leichter fallen zu nehmen.

Und den Schritt von „Tischlein deck dich“ zur Tafel haben Sie 2012 gemacht, weil?

Weil ich als Fahrer bei „Tischlein deck dich“ gemerkt habe, dass die Zahl der Bedürftigen immer mehr wird. So entstand die Idee, die Tafel als Verein zu gründen, weil wir so leichter wachsen und mehr Menschen erreichen konnten. Was dahinter für ein Aufwand stecken würde, war mir gar nicht bewusst.

Das heißt, der Anfang war schwer?

Nach einem halben Jahr wollte ich eigentlich alles hinschmeißen. Keiner kannte uns, keiner hat uns berücksichtigt. Gerettet hat uns dann eigentlich der Schlei Bote. Ihre Artikel haben die Bevölkerung aufgeweckt und erkennen lassen, dass das, was wir hier tun, doch gar nicht so schlecht ist. Dann platzte der Knoten, man hat uns anders wahrgenommen. Und irgendwann haben wir auch Spenden bekommen, ohne dass wir Türen einrennen mussten.

Die Zahl der Haushalte, die die Tafel versorgt, ist von anfangs 60 auf mittlerweile 235 gestiegen. Woran machen Sie diese Steigerung fest?

Unser Ruf unter den Bedürftigen wurde besser. Das hatte vielleicht auch etwas damit zu tun, dass wir fast nur Ehrenamtler als Helfer beschäftigen, früher waren das ausschließlich Bedürftige selber. Bei den Ehrenamtlern wissen wir: Sie tun es von Herzen. Außerdem ist uns wichtig, dass jeder gleich behandelt wird, und wir hören uns die Geschichten unserer Bedürftigen an. Manchmal setze ich mich beim Essen dazu und unterhalte mich mit ihnen.

2015 hat die Tafel die Konsequenzen des Flüchtlingsstroms erlebt. Damals hatten Sie Sorge, dass sich die einheimischen Bedürftigen verstoßen fühlen würden. Wie funktioniert das Miteinander heute?

Die Zahl der Flüchtlinge war wirklich eine Herausforderung, aber inzwischen läuft es sehr gut, auch wenn wir Reibereien nicht ganz verhindern können. Unter unseren Helfern ist ein Syrer, der dolmetscht, erklärt und auch schlichtet. Er ist uns eine große Hilfe. Und wir haben uns auch selber Mühe gegeben, uns auf die Flüchtlinge einzustellen, haben zum Beispiel Wegweiser in mehreren Sprachen entwickelt.

Sie treffen wöchentlich Menschen, die aus ganz verschiedenen Gründen auf die Tafel angewiesen sind, Sie erleben viele Einzelschicksale. Ist Ihnen eines besonders im Gedächtnis geblieben?

Das ist eine Frau aus dem Amt Süderbrarup. Sie nimmt den Weg nach Kappeln zur Tafel auf sich, damit zu Hause keiner davon etwas mitbekommt und ihre Kinder in der Schule nicht gemobbt werden. Und sie ist immer dankbar, egal, wann sie drankommt, egal, was als Ware da ist. Davor ziehe ich den Hut.

Sie haben als Tafel-Vorsitzender immer die große Spendenbereitschaft der Kappelner und der Menschen der Region gelobt. Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb die Menschen hier so großzügig sind?

Ich glaube, es ist ein besonderer Menschenschlag hier. Diese Region hatte es immer schwerer als andere, es gibt wenig Industrie, nicht so viele Arbeitsplätze. Die Menschen mussten immer kämpfen, und wer selber gekämpft hat, der gibt auch gerne. In Großstädten sieht keiner mehr die Not des anderen, da lebt jeder sein Leben. Hier geht es familiärer zu, es ist eine Gemeinschaft. Kappeln reißt sich immer wieder hoch.

Mit Kühlfahrzeug, Kühlzelle, dem Suppenküchen-Team, bald einer Waschstraße ist die Tafel, das haben Sie selber gesagt, inzwischen „ein gut funktionierender Betrieb“. Wie schwer fällt es Ihnen, diesen Betrieb zu verlassen?

Das ist verdammt schwer, und ich bin jetzt auch ziemlich nervös. Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, ich habe eineinhalb Jahre dafür gebraucht. Aber mein Körper sagt mir, dass ich jetzt etwas für mich tun muss. Ich wollte immer in die Berge, das hole ich jetzt nach und ziehe nach Berchtesgaden. Am liebsten wäre ich ja bei Nacht und Nebel abgehauen, aber das hat nicht geklappt. Jetzt habe ich noch ein paar schwere Gänge vor mir, weil ich mich noch von einigen Menschen persönlich verabschieden möchte. Die Zeit bei der Tafel hat auch mich sehr geprägt, und ich bin sehr vielen Menschen sehr dankbar für ihre große Unterstützung. Ich wünsche mir, dass sie auch mit meinem Nachfolger so gut zusammenarbeiten werden. Wenn ich in einem Jahr zu Besuch nach Kappeln komme, bin ich gespannt, was daraus geworden ist.

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