Neues Gesetz : Wenn der Vormund monatlich klingelt

Holger Lehmann ist als Vormund derzeit für rund 120 Kinder zuständig. Zukünftig dürfen es nicht mehr als 50 sein. Zugleich werden monatliche Besuche vorgeschrieben. Foto: Harding
Holger Lehmann ist als Vormund derzeit für rund 120 Kinder zuständig. Zukünftig dürfen es nicht mehr als 50 sein. Zugleich werden monatliche Besuche vorgeschrieben. Foto: Harding

120 Kinder betreut ein Vormund im Kreis Schleswig-Flensburg - zu viele. Denn ein neues Gesetz schreibt vor, die "Mündel" einmal im Monat zu besuchen.

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11. Juni 2011, 12:05 Uhr

Schleswig-Flensburg | Der Fall Kevin schockierte im Oktober 2006 die ganze Republik. Das Versagen gleich mehrerer Bremer Sozialbehörden hatte dazu beigetragen, dass der zweijährige Junge unter grausamen Umständen zu Tode kam und schließlich tot in einem Kühlschrank gefunden wurde. So etwas dürfe nie wieder geschehen - darin war man sich schnell einig. Doch geschehen ist in den Behörden bundesweit wenig. Das wird sich mit der Reform des Vormundschafts- und Betreuungsrechts jetzt schlagartig ändern. Auch die Kreisverwaltung in Schleswig steht vor neuen Herausforderungen.
Das Bundeskabinett hat am 25. August des vergangenen Jahres den von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger vorgelegten Entwurf der Gesetzesnovelle beschlossen. Am 27. Mai stimmte der Bundesrat zu, und damit ist klar: Die Kreisverwaltung wird wachsen müssen, mindestens um fünf weitere Mitarbeiter, die notwendig sind, um den Anforderungen des Gesetzes gerecht zu werden.
Maximal 50 Fälle pro Vormund
Holger Lehmann, Leiter des Bereiches Vormundschaften/Beistandschaften im Kreishaus: "Die Situation wird sich total verändern." Zurzeit teilen sich vier der insgesamt neun Mitarbeiter der Behörde drei Vormundschaftsstellen. Gemeinsam sind sie für rund 230 Vormundschaftsfälle zuständig, davon entfallen allein 120 auf Lehmann selbst. Das neue Gesetz sieht aber vor, dass jeder Vormund nur noch maximal 50 Fälle betreuen darf. Hinzu kommt, dass zukünftig jeder "Mündel", also jedes betreute Kind, "in der Regel" einmal im Monat aufgesucht werden muss.
Hier wird das Problem deutlich. Selbst bei nur 50 Fälle pro Mitarbeiter würde das für jeden von ihnen pro Jahr rund 600 Kontakte, das heißt Besuche bedeuten. "Eine Rechnung, die nicht aufgeht. Wie soll das funktionieren?", fragt Lehmann - rhetorisch, denn klar ist: Auch die Büroarbeit muss erledigt werden, Gerichtstermine müssen wahrgenommen werden, von Mitarbeiterfortbildung einmal ganz abgesehen. Außerdem ist die Dienststelle im ersten Stock des Kreishauses auch noch für zurzeit 1920 Beistandschaften (Vaterschaftsanerkennung, Unterhaltsgeltendmachung) zuständig.
Fünf Stellen beantragt
Ergo: Es müssen mehr Mitarbeiter her, zudem neue Büros und Büroausstattungen. Fünf Stellen hat Lehmann jetzt beantragt, die Notwendigkeit zudem vor dem Jugendhilfeausschuss ausführlich begründet. Die Politik hat ihm Unterstützung zugesagt, damit die Voraussetzungen für die Umsetzungen des neuen Gesetzes so schnell wie möglich geschaffen werden können. Letztlich muss der Kreistag über mehr Personal entscheiden.
Hier lauert ein weiteres Problem: Noch ist gar nicht klar, ob der Bund die zusätzlich anfallenden Kosten übernehmen wird. Der Bundesrat konnte sich jedenfalls zu einer entsprechenden Auflage nicht durchringen. Er äußerte lediglich die "Erwartung", dass der Bund den Kommunen die entstehenden Mehrbelastungen ausgleicht.
Dennoch ist Lehmann mit der Grundintention des neuen Rechtes einverstanden, schließlich gehe es um das Wohl der Kinder. Die Umsetzung ist aus seiner Sicht allerdings nicht zeitgemäß. Denn das Vorschreiben häufiger Besuche führe ins Leere, sagt er. Die meisten Mündel würden in den rund 150 Jugendhilfeeinrichtungen im Kreisgebiet betreut, seien also ohnehin in professioneller Hand. Lehmann: "Ich bin Vormund und nicht Kontrolleur professioneller Heime."
(hg, shz)

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