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Poetry-Slam mit Demenzkranken : Weck-Worte wirken Wunder

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Slam-Poet Lars Ruppel hat ein ganz besonderes Konzept entwickelt, um mit Demenzkranken in Kontakt zu treten.

Eine Tür öffnete sich, eine Tür zwischen den Generationen, zwischen den Schülern der Klasse 9 d der Gesamtschule Kappeln und einigen an Demenz erkrankten Bewohnern der Kappelner Margarethen-Residenz. Ein kleines Wunder hat Lars Ruppel schon bewirkt, mit dem Öffnen dieser imaginären Tür. Er ist vielen bekannt aus der Poetry-Slam-Szene und beschäftigt sich seit einigen Jahren mit einer Methode, wie man Demenzkranke ein wenig „aufwecken“ kann. Seine Erkenntnisse und Erfolge gibt er gern und oft weiter.

An diesem Vormittag war er in Kappeln und brachte mit seiner ungemein positiven Ausstrahlung und seinen gezielt eingesetzten „Weck-Worten“ den Kranken ein wenig ihrer Vergangenheit zurück. Er begrüßte persönlich jeden Bewohner mit Handschlag, fragte nach dem Namen und machte sogleich einen lustigen Reim darauf oder ein nett verpacktes Kompliment. Und schon da, in den ersten Minuten geschah ein kleines Wunder, wie Einrichtungsleiterin Petra Heide im Anschluss freudig berichtete. Eine Bewohnerin, die, seit sie in der Residenz lebt, nie mehr als ein kaum verständliches „Ja“ über die Lippen brachte, nannte Lars Ruppel klar und deutlich ihren Namen.

Auch die Anderen ließen sich anstecken von den Schülern, die dazukamen, allen freundlich die Hand gaben und sich zwanglos mit in die Runde setzten. Waren anfangs noch ein wenig Berührungsängste vorhanden, so schaffte es Lars Ruppel mühelos, ältere und junge Menschen miteinander zu verbinden. Bindeglied waren immer Gedichte, oft von den Schülern selbst vorgetragen, Gedichte, die wohl die meisten der Demenzkranken als Schüler auch einmal gelernt, und seitdem nicht vergessen hatten.

So sprudelte dann auch schnell vermeintlich Vergessenes aus den Tiefen des Gedächtnisses ans Licht: Schillers „Lied der Glocke“, dessen erste Verse ein paarmal wiederholt, bei fast allen schnell wieder präsent war. Oder die Gedicht-Gymnastik, die Neuntklässlerin Franziska anschaulich vortrug, das „Büblein auf dem Eis“ oder die Birne des „Herrn von Ribbeck auf Ribbeck“. Andere Gedichte, so das von Leon vorgetragene von einer Kuh, lebten durch die Wiederholung des Refrains. „Mutters Hände“, das rührte Alt und Jung gleichermaßen, und als Lars Ruppel die erste Zeile der „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff anstimmte, da kam mit der Erinnerung auch manch feuchter Schimmer in die Augen der Residenz-Bewohner.

Es war einfach schön, mitanzusehen, wie zwischen den Generationen die Blockaden fielen, sich alle an den Händen hielten und ein Miteinander erlebten, wie es bisher kaum möglich war. Dass diese Tür sich öffnen, dieses gemeinschaftliche Erleben wahr werden konnte, daran haben viele mitgewirkt: die Kappelner Stadtbücherei, die Lars Ruppels Unkosten übernahm, die Gemeinschaftsschule und der Klassenlehrer der 9 d, der seine Schüler so gut vorbereitet hatte, und nicht zuletzt die engagierte Leiterin des Margarethen-Residenz Petra Heide sowie ihre Mitarbeiter. Zu wünschen wäre, dass sich diese Tür ins Reich der Weck-Worte nicht so schnell wieder schließen möge und die Schüler sich weiterhin für alte Menschen engagieren, die einst auch einmal ein Leben hatten, das sie nun allmählich vergessen. Weck-Worte wirken Wunder, hoffentlich auf beiden Seiten.


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