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Interview mit Ernährungs-Expertin : Warum man nach der Weihnachts-Völlerei noch mehr isst - und was man dagegen tun kann

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Ernährungs-Medizinerin Dr. Edith Windgassen über Weihnachtsvöllerei, die leidigen Pfunde und wie man sie wieder los wird.

shz.de von
erstellt am 26.Dez.2016 | 15:50 Uhr

Dr. Edith Windgassen ist Allgemeinmedizinerin in Kappeln und hat sich auf den Bereich Ernährungsmedizin spezialisiert. In ihrer Praxis hat sie Ernährungsberatungen und Empfehlungen für die gesunde Ernährung gegeben. Warum sie von Diäten nichts hält, erklärt sie im Interview.

Frau Dr. Windgassen, an Weihnachten werde ich wieder reichlich Schokolade essen – sehr wahrscheinlich viel zu viel. Was muss ich befürchten?
Es geht ja meist nicht nur um den 24. Dezember. Das Angebot ist ja bis Silvester reichlich. Wenn Sie reichlich Schokolade oder andere Leckereien im Übermaß zu sich nehmen, wird Ihr Gewicht sehr wahrscheinlich nach oben gehen. Sie werden ein schlechtes Gewissen haben, sich ärgern, gefrustet sein und möglicherweise noch mehr essen. Ganz nach dem Motto: Jetzt ist alles egal.

Das richtige Maß ist doch gerade an Festtagen ein Problem. Warum ist das so?
Festtage sind für die meisten Menschen etwas Besonderes. Sie verbinden damit gutes Essen, ein schönes Glas Wein, Familienbesuche, Ausspannen, Geselligkeit, sich etwas gönnen. Wurstbuden, Punschstände, Appetit anregende Düfte von Bäckereien und viele andere Verlockungen lassen uns vergessen, wie viele Kalorien und ungesunde Fette wir zu uns nehmen. Da ist es schwer, das richtige Maß zu finden.

Welche Rolle spielen die Psyche und das soziale Umfeld dabei?
Die spielen eine wichtige Rolle. Die Notwendigkeit zu essen ist eine biologische Tatsache. Essen hat aber auch viele emotionale und soziale Aspekte. Es ist meistens mit angenehmen Assoziationen verbunden wie Geselligkeit oder Traditionen. Die meisten Entscheidungen werden unbewusst getroffen. Individuelle Erfahrungen, mein persönliches Lebensumfeld und meine momentane Lebenssituation bestimmen, was und wie viel ich esse. Zwei Beispiele: Ich bin gestresst und esse vielleicht mehr. Oder ich bin in Gesellschaft und schlemme. Das Gemeinschaftsgefühl ist ein starkes Essmotiv. Die frühkindliche Prägung spielt zudem eine Rolle.

Inwiefern?
Wenn ein Kind geboren wird und es schreit, wird es normalerweise an die Brust gelegt und mit süßer Muttermilch versorgt. Der Hunger wird gestillt und außerdem entsteht ein Gefühl von Wärme, Zuwendung und Liebe. Wir werden also auf Süßes „programmiert“. Dies wird durch die Umwelt noch weiter verstärkt, süß ist immer Belohnung etwa der Bonbon beim Arzt fürs Tapfersein oder ein Eis als Belohnung.

Wie kann es mir dennoch gelingen, besser auf Stoffwechselsignale wie Hunger und Sättigung zu achten?
Indem Sie sich bewusst machen, ob Sie Hunger oder Appetit haben. Warum will ich jetzt essen? Aus Hunger, aus Frust oder zur Belohnung? Auch sollten Sie sich nicht sofort ihren Gefühlen hingeben, indem sie versuchen, den „Hunger zu übergehen“, etwa durch Ablenkung, ein Telefonat oder indem Sie etwas trinken. Manchmal kann das klappen, wenn es nur Appetit war. Essen fängt im Kopf an.

Gibt es weitere Strategien?

Wenn Sie wissen, dass Sie abends eingeladen sind, dann empfehle ich immer, richtig zu frühstücken. Nach Möglichkeit eine eiweißreiche Mahlzeit mit Ei, Käse oder einer Scheibe Lachs. Bei kohlenhydratreichen Lebensmitteln wie Marmelade oder ein Schokoladen-Croissant steigt der Insulinspiegel sofort an, verhindert die Fettverbrennung, und Sie bekommen durch den Abfall des Blutzuckerspiegels wieder schnell Appetit. Es ist erwiesen, dass bei einem guten Frühstück weniger Gesamtkalorien zu sich genommen werden.

Beim Festmahl empfehle ich auch, stärker bei den Eiweißträgern und Gemüsebeilagen zuzugreifen als bei Kartoffeln, Nudeln oder Kroketten. Außerdem empfehle ich drei Mahlzeiten. Permanentes Essen und Zwischenmahlzeiten führen dazu, dass der Insulinspiegel stetig auf und ab geht, die Fettverbrennung gebremst und der Appetit angeregt wird.

Auch kann es helfen, sich dazu zu zwingen, bewusster zu genießen. Dazu gehört auch das richtige Kauen und langsames Essen. Das Sättigungsgefühl tritt erst nach etwa 20 Minuten ein, ganz gleich, wie viel Sie gegessen haben. Und nehmen Sie sich einen kleinen Teller. Große Teller erwecken den Eindruck, von der Mahlzeit nicht satt zu werden. Das Auge isst mit. Und Bewegung hilft natürlich. Gehen Sie nach dem Essen spazieren.

Worauf sollte man grundsätzlich achten, wenn man sein Gewicht halten möchte?
Ich empfehle zehn Gebote für den dauerhaften Erfolg: 1. Nur drei Mahlzeiten pro Tag – nicht zwischendurch knabbern; 2. So wenig Zucker wie möglich; 3. Weniger und das richtige Fett; 4. Wenig Kohlenhydrate wie Nudeln, Reis, Brot oder Kuchen; 5. Eiweißreiche Lebensmittel; 6. Viel frisches Gemüse und Salat; 7. Obst essen – aber nicht zwischendurch; 8. Viel Wasser und ungesüßte Kräutertees; 9. Viel Bewegung; 10. Regelmäßige Gewichtskontrolle.

Frau Dr. Windgassen, Sie haben das letzte Wort.

Genuss ist erwünscht und schön. Man sollte sich in der Weihnachtszeit die Zeit nehmen, um zu genießen – aber bewusst und gezielt. Freuen Sie sich auf die Genussmomente. Aber: Klasse statt Masse.

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