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Kappeln : Völkerverständigung mit Paukenschlag

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

„Hand in Hand – Paten für Flüchtlinge in Kappeln“, Arbeiterwohlfahrt und Folkclub veranstalten einen Trommelworkshop im Begegnungszentrum.

Es ist 18 Uhr und bereits dunkel in Ellenberg. Die Straßen sind leer, aus den Fenstern der Wohnblöcke glimmt das warme Licht der Schwippbögen und Lichterketten. Plötzlich wird die Stille durch rhythmisches Dröhnen durchbrochen. Es kommt aus dem Begegnungszentrum. Die dumpfen Töne werden lauter und schneller. Bilder eines afrikanischen Stammesfestes drängen sich auf, bei dem Männer zu treibenden Trommelklängen ums Feuer tanzen. Doch es handelt sich bei den für die Ellenberger Straße eher untypischen Tönen um den Trommelworkshop von Christiane Lucas.

„Letzte Woche, beim zweiten Mal, hatten wir schon 25 Teilnehmer“, sagt Lucas über den Trommelkurs, der sich an Flüchtlinge und Einheimische gleichermaßen richtet. Die Tische des Bez-Veranstaltungsraums hatten die Kursleiterin und Elisabeth Magnussen-Andresen vom Folkclub Ostangeln beiseite geschoben, um Platz zu schaffen. lisabeth Magnussen-Andresen sagt: „Wir hoffen, dass es heute wieder voll wird.“ Die Musik solle dort, wo die Worte fehlten, eine Brücke schlagen, erklärt sie.

Noch zehn Minuten – Elisabeth Magnussen-Andresens Nervosität wächst: „Was ist nur los? Wieso ist denn noch keiner da?“ Doch dann steht Ali in der Tür, mit einem offenen Lächeln und weiteren jungen Männern aus der Flüchtlingsunterbringung in Sundsacker. „Hallo!“ ruft Elisabeth Magnussen-Andresen ihnen freudig zu. Die meisten der Flüchtlinge sind erst seit wenigen Monaten in Deutschland und sprechen kaum oder kein Deutsch. Doch das ist hier auch nicht nötig. Jeder holt sich eine Djembé-Trommel, nimmt im Stuhlkreis Platz und beginnt zwanglos zu spielen. Zunächst trommelt jeder für sich, Flüchtlinge ebenso wie Einheimische. Nach wenigen Sekunden finden sie jedoch ein gemeinsames Tempo, eine gemeinsame Sprache. Nach und nach füllt sich der Raum. Jeder weitere Kursteilnehmer steigt wie selbstverständlich in den Rhythmus ein. Einige lächeln sich zu. Andere konzentrieren sich auf die eigenen Hände, die der Tierhaut mal leisere, mal lautere Töne entlocken. Immer kraftvoller werden die gemeinsamen Trommelklänge und lassen schließlich nicht nur Wände und Boden des Raums, sondern auch das Zwerchfell im Gleichklang vibrieren.

Insgesamt 22 Kursteilnehmer, zwölf von ihnen aus Afghanistan und Syrien, sowie drei Betreuer, sitzen sich gegenüber oder stehen an den drei Basstrommeln, als Christiane Lucas das Wort ergreift. Auf Deutsch erklärt die Fleckebyerin, die seit 20 Jahren das afrikanische Trommelspiel lehrt: „Zuerst spielen wir bom-bodom-bom-bom, danach das ku-kuk, das wir beim letzten Mal geübt haben.“ Nachdem sie den Rhythmus vorgemacht hat, steigen alle ein. Wie eine Welle baut sich der durch Mark und Bein gehende Trommelklang auf, bis er den ganzen Raum erfüllt. Die Energie der Musik ist greifbar, die Freude am gemeinsamen Spiel nicht zu übersehen. Zur Auflockerung singt die Gruppe danach das westafrikanische Lied „Amadié amadio“. Dann ist ein neuer Trommelrhythmus dran.

Nach einer Dreiviertelstunde haben Spieler und Raum eine Pause und frische Luft nötig. Während zwei afghanische Männer und ein Syrer sitzenbleiben und unbefangen weiterspielen, erzählt Ali Azizi draußen vor der Tür, dass er sich seit 50 Tagen in Deutschland und seit vier Wochen in Sundsacker befindet. Ali erzählt weiter auf Englisch, dass er zwei Mal pro Woche einen Sprachkurs besuche, denn: „Ich will unbedingt Deutsch lernen.“ Trotzdem sei der Workshop eine willkommene Abwechslung. „Es ist großartig. Ich liebe Musik“, sagt Ali. Dann dreht er sich um und geht zurück zu den unermüdlich trommelnden Männern. Ali schließt sich ihnen an.

Elisabeth Magnussen-Andresen ist zufrieden mit der bisherigen Resonanz des von dem Verein „Hand in Hand – Paten für Flüchtlinge in Kappeln“, der Arbeiterwohlfahrt und dem Folkclub initiierten Trommelkurses. „Das ist doch eine tolle Sache. Ich sehe es so, dass wir den Flüchtlingen eine Veranstaltung bieten, bei der sie 90 Minuten lang kein Heimweh haben.“ Dann geht auch sie zurück in den Raum, in dem sich alle mittlerweile wieder eingefunden haben. Nachdem sich die Tür hinter ihr schließt, erhebt sich wieder das klangvolle Dröhnen von 22 afrikanischen Trommeln im Begegnungszentrum. Wer an ein afrikanisches Stammesfest denkt, irrt. Es ist funktionierende Völkerverständigung – ganz ohne Worte.

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erstellt am 11.Dez.2015 | 18:16 Uhr

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