Rehkitz in Kappeln : Video: Der kleine „Paul“ darf leben

Ein acht Tage altes Rehkitz verliert bei einem Autounfall seine Mutter. Im Tierschutzzentrum Weidefeld wird das Jungtier jetzt aufgepäppelt.

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20. Mai 2015, 06:00 Uhr

Kappeln | Jacqueline Knuth lächelt, als sie sagt: „Ja, es gibt schlimmere Aufgaben, als sich um Paul zu kümmern.“ „Paul“ ist acht Tage alt, wiegt keine drei Kilo, er hat große dunkle Augen, eine schwarze Stupsnase und weiße Flecken im braunen Haar. Seit wenigen Tagen ist das Tierschutzzentrum Weidefeld sein Zuhause, und Jacqueline Knuth ist seine Ersatz-Mama auf Zeit. Der kleine Rehbock hat aber auch schon alle anderen um den Finger gewickelt.

Am vergangenen Sonnabend musste Uwe Jacobi nach 22 Uhr raus zur Kreisstraße 57. Nahe Windeby (Kreis Rendsburg-Eckernförde) hatte sich ein Wildunfall ereignet, der Mann von der Kreisjägerschaft Eckernförde sollte die Lage kontrollieren. Die Ricke, die er in einer angrenzenden Wiese fand, war so schwer verletzt, dass er sie mit einem Schuss erlösen muss. Aber Jacobi bemerkte auch, dass der Euter des Tieres mit Milch gefüllt war. Die Ricke musste also kurz zuvor ein Junges geboren haben. Am folgenden Tag kehrte der Jäger zurück, diesmal mit Suchhunden – und hatte Erfolg: Im Gras entdeckte er das Kitz, trug es ins Auto und brachte es ins Tier-, Natur- und Jugendzentrum Weidefeld. Eine kurze Zeit nur, die Jacobi mit dem jungen Tier verbrachte – und trotzdem hatte es das Kitz ihm schwer gemacht, gedanklich loszulassen. „Wir haben dem Kleinen ja gar keinen Namen gegeben“, fiel dem Windebyer danach wehmütig ein.

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Das haben inzwischen die Tierpfleger in Weidefeld übernommen. „Paul“ ist dort vorübergehend in eine mit Decken ausstaffierte Box eingezogen, alle zweieinhalb Stunden füttert ihn Jacqueline Knuth mit Ziegenmilch und Haferflocken. Dass „Paul“ zwischendurch immer noch nach seiner Mutter ruft, kann aber auch die Auszubildende nicht verhindern. Dennoch ist Tierschutzzentrums-Leiterin Dr. Katrin Umlauf mehr als zuversichtlich. „Er hat sich mittlerweile an die Flasche gewöhnt“, sagt Umlauf, „und entwickelt sich gut“. Hätte man ihn allerdings nicht im Gras gefunden, wären „Pauls“ Überlebenschancen verschwindend gering gewesen. Umlauf ist sich sicher: „Dann wäre er verhungert.“

Üblicherweise bleibt ein Kitz etwa ein Dreivierteljahr bei seiner Mutter, auch in Weidefeld wird „Paul“ nun mehrere Monate verbringen. Sobald das Wetter besser ist, darf er auf die Wiese und seinen Magen an Grashalme gewöhnen. Irgendwann wird er in ein Wildgehege nach Kiel umziehen, bis er schließlich wieder zurückkehrt in seine ursprüngliche Umgebung. Denn Katrin Umlauf betont: „Es handelt sich um ein Wildtier. Und unser Ziel ist es, dass er irgendwann auf eigenen Füßen steht.“ Deshalb darf die Nähe zwischen Mensch und „Paul“ auch nicht zu intensiv werden, denn das Kitz soll seinen natürlichen Fluchtinstinkt nicht einbüßen.

Fürs Erste aber muss Jacqueline Knuth noch nicht von dem kleinen Kerl lassen, abends nimmt sie ihn sogar mit nach Hause, füttert ihn das letzte Mal gegen 23 Uhr und das erste Mal wieder um 6 Uhr. „Auf der Niedlichkeitsskala“, sagt sie, „liegt ‚Paul‘ schon ganz weit oben“.

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