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Museumshafen Kappeln : Uwe Vergin streicht die Segel

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

21 Jahre lang hatte Uwe Vergin das Sagen im Kappelner Museumshafen. Jetzt hängt er sein Ehrenamt als Hafenmeister an den Nagel – auch weil er das Gemeinschaftsgefühl vermisst.

shz.de von
erstellt am 19.Apr.2014 | 08:00 Uhr

Er gehört zu denen, die einem sofort vor dem geistigen Auge erscheinen, wenn man die Konstellation klein und drahtig hört. Mit seinem Kapuzenpulli, seiner robusten Cargohose und der Schirmmütze sieht Uwe Vergin immer nach Arbeit aus, und genau davon gibt es mehr als genug im Kappelner Museumshafen. 21 Jahre lang hat Vergin als Hafenmeister das meiste davon erledigt. Er hat nie auf die Uhr gesehen, stattdessen immer aufs Wasser und auf ankommende Gäste. Er hat jede Menge Energie in den Museumshafen gesteckt und ihm ganz nebenbei über die Zeit einen erstaunlichen Ruf verpasst. Jetzt allerdings sind andere dran. Nach 21 Jahren hat Uwe Vergin seinen Posten aufgegeben. Der 30. April ist sein letzter Arbeitstag.

Treffpunkt Ruderhaus. Unter schon deutlich kräftiger Sonne und zwischen Windstößen, die dazu geeignet sind, die Frisur desjenigen zu ruinieren, der keine Schirmmütze trägt, sitzt Uwe Vergin auf der massiven Holzbank. Sein Gesicht ist das eines Menschen, der viel Zeit im Freien verbringt. Er braucht nur ein paar Stichworte, bis er aus dem Erzählen kaum mehr herauskommt. Der „Landarzt“ zum Beispiel. „Einmal pro Staffel ist das Drehteam bestimmt hier gewesen“, sagt Vergin. Einfach, weil die Kulisse überzeugt hat. Egal ob ein klassischer Seebär gefragt war, kilometerlanges Tauwerk oder Fischer bei der Arbeit – der Museumshafen war immer die Wahl. Einmal hätten die Leute vom Fernsehen unbedingt dieses eine Beiboot haben wollen – zu dem Zeitpunkt allerdings alles andere als fernsehtauglich. In Windeseile haben Uwe Vergin und seine Leute das Boot repariert, aufgefrischt und lackiert. Vergin lacht, als er darüber spricht. „Es war eben so zu Drehbeginn trocken“, sagt er. Überhaupt das Fernsehen: Ina Müller hat auch mal am Museumshafen gedreht, wollte von dort nach Schleimünde aufbrechen. „Sie wollte so viel wissen, da musste ich mich selber erstmal schlau machen“, erinnert sich Vergin. Jede Menge Geschichts- und Geografiebücher habe er gelesen – „da hab’ ich dann auch noch was gelernt“.

Allerdings war der Museumshafen nicht immer die idyllische Kulisse, die er jetzt ist. Als Vergin seinen Job antrat, sei die Anlage ungepflegt gewesen, geradezu abfällig habe man in der Stadt über den Museumshafen gesprochen. „Es war eine Atmosphäre, die man eher gemieden hat“, sagt Uwe Vergin. Sich selber attestiert er ein gewisses Gefühl für Ästhetik, einen Sinn für Ordnung. Er mag es nicht, wenn das Willkommensschild zum Hafen dreckig ist oder irgendwo eine verschlissene Flagge auf halbacht hängt. Kleinigkeiten, die aber das Gesamtbild des Hafens entscheidend prägen. Genauso wie der Hafenmeister selber.

„Der Hafenmeister ist der erste Mensch, den ein Skipper auf einem ankommenden Schiff sieht“, beschreibt Uwe Vergin sein Leitmotiv. Er ist damit so etwas wie ein Aushängeschild der Stadt. Wem es gefällt, der kommt wieder. „Ich glaube, die Wirkung wird manchmal unterschätzt“, sagt Vergin. Er ist weit weg davon, einer dieser funktionalen Hafenmeister, wie er sie nennt, zu sein. Er ist viel mehr einer, dessen Herz am Wasser hängt – auch heute noch, da er gar kein eigenes Schiff mehr hat. Er ist einer, der die Skipper nicht mit dem leeren Benzinkanister zur Tankstelle laufen lässt. Er sammelt sie abends ein und fährt sie mal eben mit dem eigenen Auto zur Zapfsäule. Wenn die Schiffe bei Sturm nicht ablegen können, lädt er die Kinder ins Ruderhaus ein und liest ihnen im Schummerlicht Geschichten vor. In seinem heimischen Briefkasten landet seit Jahren Post, die „An den Hafen Kappeln“ adressiert ist. „Wo soll ich’s denn sonst einwerfen?“, habe ihm der Briefträger einmal entgegnet.

20 feste Liegeplätze verwaltet Uwe Vergin im Museumshafen, dazu kommen bis zu 300 Gastschiffe im Sommer. „Früher“, sagt er, „war überall immer irgendetwas los. Da war Leben auf den Schiffen.“ Heute spürt er davon nicht mehr so viel. Inzwischen blieben die Menschen lieber für sich, die Gemeinschaft genieße nicht mehr den gleichen Stellenwert. „Das ist kein Phänomen des Museumshafens“, sagt Vergin. „Die Gesellschaft hat sich eben verändert.“ Für ihn ist das Anlass, sein Ehrenamt aufzugeben. „Das war wie ein Puzzle aus vielen kleinen Teilen“, sagt er. „Es hat sich über die Jahre zusammengesetzt, und am Ende stand da ‚Go‘.“ Uwe Vergin hört auf, bevor das Hafenmeister-Dasein für ihn nur noch ein Job ist. Dafür nämlich ist ihm die Sache viel zu wichtig.

Sein Mehr an Zeit will er mit seinen Kindern verbringen. Zwei junge Pflegekinder gehören zu seiner Familie, und die sollen künftig mehr von ihrem Vater haben. Zum ersten Mal wird er die gesamten großen Ferien mit ihnen teilen können. Außerdem ist der 62-Jährige äußerst aktiv in der Baptistengemeinde. Wer das Amt des Hafenmeisters von ihm übernimmt, ist noch offen. Vielleicht schafft der Neue dann ja das, was Uwe Vergin nicht gelungen ist. „Wir haben immer darum gekämpft, eine sichtbare Verbindung vom Museumshafen zur Stadt zu schaffen“, sagt er.

Dann guckt er auf die Uhr. Als Vater, nicht als Hafenmeister. Die Kinder kommen gleich von der Schule, dann will Uwe Vergin zu Hause sein.

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