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DRK-Rettungswache Kappeln : Und wieder ertönt das Martinshorn

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Einen Tag lang begleitete der Schlei Bote ein Kappelner Rettungsteam im Einsatz.

Tatütataaa. Das Martinshorn macht einen ohrenbetäubenden Lärm. Im Inneren des Einsatzwagens sind die Signaltöne nur gedämpft zu hören. Es ist 15 Uhr, und Sindy Nanninga lenkt den Einsatzwagen des Deutschen Roten Kreuzes durch den Berufsverkehr, während sich ihr Kollege und Beifahrer Patrick Saggau innerlich auf den bevorstehenden Einsatz vorbereitet.

Die Frühschicht des Notfallsanitäters und der Rettungsassistentin im Praktikum beginnt morgens um 7 Uhr bei der DRK-Rettungswache in Mehlbydiek. Nachdem sie die Kollegen der Nachtschicht abgelöst haben, überprüfen Sindy Nanninga und Patrick Saggau vor jedem Arbeitsantritt routinemäßig die Ausrüstung des Rettungswagens und füllen den Medizinschrank auf. Danach geht es in die Gemeinschaftsküche, wo es schon nach frisch gebrühtem Kaffee riecht. Entspannt, mit Kaffeetasse in der Hand, unterhalten sich die Kollegen. Die Spätschicht für diesen Tag konnte noch nicht besetzt werden. „Es läuft wohl darauf hinaus, dass ich heute wieder länger mache“, sagt Patrick Saggau nüchtern. Das wäre nicht das erste Mal „Die Kollegen sind alle schon eingeteilt und uns fehlen Springer, zum einen krankheitsbedingt, zum anderen aus Personalmangel“, sagt der 30-Jährige.

Der Alarm der Rettungsstelle Nord unterbricht das Gespräch. Die Anweisung aus Harrislee ist kurz und bündig: Verlegungsfahrt. Nach einer Knie-OP im Klinikum Damp soll ein Patient in das Schleswiger Krankenhaus gebracht werden. Aufträge dieser Art gehören zum Alltag des Rettungsdienstes. Etwa 17 Minuten dauert die Fahrt. Mit der Bahre transportiert Patrick Saggau den Patienten aus dem Krankenzimmer durch die Klinikgänge bis in den Rettungswagen. Während der Fahrt bleibt der Notfallsanitäter beim Patienten, während Sindy Nanninga den Wagen Richtung Schleswig lenkt. „Mensch, fahren kann sie aber“, stellt der Patient nach einigen Minuten anerkennend fest. „Da haben Sie Recht“, antwortet Saggau und fügt scherzhaft an: „Nur ob sie einen Führerschein hat, habe ich noch nicht gefragt.“ Trotz Schmerzen kann der Patient lachen. Patrick Saggau bemüht sich um eine möglichst angenehme Atmosphäre in dem sterilen Rettungswagen, unterhält sich bis zur Ankunft in Schleswig angeregt mit dem Patienten.

Nach einem weiteren Krankentransport, dieses Mal von Schleswig nach Brodersby, geht es für Sindy Nanninga und Patrick Saggau erst einmal zurück in die Rettungswache nach Mehlby. Zeit für eine geruhsame Pause bleibt den beiden Kollegen heute nicht. Es ist eine Stunde vor Schichtende, und die Protokolle der bisherigen Einsätze müssen geschrieben werden. Sindy Nanninga sagt: „Das ist der unliebsame Teil unserer Arbeit, aber er muss gemacht werden.“ Noch gar nicht mit den Protokollen fertig, ertönt auch schon wieder der Alarm der Rettungsstelle: Notfallverlegung von Damp nach Schleswig – Fahrt mit Sonderrechten. Sindy Nanninga und Patrick Saggau handeln prompt. Fast schon mechanisch lassen sie alles stehen und liegen, ziehen ihre rot-neongelben Rettungsjacken über und steigen in den Einsatzwagen. Mit Blaulicht und Martinshorn geht es durch Kappeln, über rote Ampeln, die Schleibrücke und die Landstraße. Die Manöver, zu denen Sindy Nanninga durch das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer gezwungen wird, sind nichts für schwache Nerven. Häufig muss die ehemalige Hauptbootsmannin zur Reserve stark bremsen. Denn immer wieder versuchen Fahrer – trotz Martinshorn – in letzter Sekunde Kreuzungen zu überqueren oder sie machen schlichtweg keinen Platz für den Einsatzwagen. Die Mutter von drei Kindern hat dafür wenig Verständnis. „Die Autofahrer machen es uns teilweise wirklich schwer, sie nehmen immer weniger Rücksicht“, sagt sie.

In der Klinik in Damp angekommen klärt eine Krankenschwester die gerufenen Helfer auf. Eine ältere Patientin mit Verdacht auf Herzinfarkt soll ins Katheterlabor nach Schleswig verlegt werden. Sindy Nanninga und Patrick Saggau treffen die Herzpatientin in einem verhältnismäßig agilen Zustand an. Selbstständig klettert die betagte Dame auf die Bahre, macht sogar Scherze. Während des Transportes befindet sich auch der behandelnde Arzt bei der Patientin im Wagen. Sindy Nanninga im Führerhaus des Einsatzwagens ist sichtlich verärgert. Ein Notfall sieht für die Rettungsassistentin im Praktikum anders aus. „Der Arzt sagte gerade, die Patientin hätte schon gestern Abend verdächtige Anzeichen gezeigt. Jetzt ist es nachmittags“, sagte sie. Im Falle eines Herzinfarkt-Verdachtes, erklärt Nanninga, gebe es aber ein enges Zeitfenster, in dem gehandelt werden müsse. Nicht zum ersten Mal hat die 35-Jährige die Vermutung, für die behandelnden Ärzte sei die Alarmierung der Rettungsleitstelle eine bequeme Möglichkeit, Patienten schnell zu verlegen. Denn Notfälle haben für die Rettungskräfte des DRK oberste Priorität. Eine herkömmliche Verlegung eines Patienten könnte aber im Falle eines eintreffenden Notrufs auch um eine oder zwei Stunden verschoben werden. „Jetzt fahren wir einen einfachen Krankentransport, während in Kappeln vielleicht ein Rettungswagen bei einem Autounfall benötigt wird“, sagt Nanninga. „Dann müssen unter Umständen Kollegen von außerhalb anrücken.“

Die Bereitschaft, die 112 zu rufen, werde immer größer, sagt Sindy Nanninga. „Wir wurden schon bei Schnittwunden oder Menstruationsschmerzen gerufen. Manchmal wollen die Menschen sich aber auch nur unterhalten.“ Durchschnittlich vier Einsätze fahren die Rettungsteams pro Tag, schätzt Kollege Patrick Saggau. Mit derzeit 20 – teilweise krankheitsbedingt fehlenden – Mitarbeitern herrscht spürbarer Personalmangel in der Rettungswache in Mehlby, der keine verlässlichen Arbeitszeiten zulässt. „Man hat nie pünktlich Feierabend“, erklärt der Vater einer zweijährigen Tochter. Die Belohnung erhalte er aber von den Patienten: „Ab und zu bekommen wir eine Postkarte oder einen Brief von den Verwandten oder den Patienten mit einem Dankeschön.“  


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erstellt am 23.Apr.2016 | 12:45 Uhr

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