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Schlei-Bote

17. Oktober 2017 | 00:56 Uhr

Hasselberg : Therapie unter freiem Himmel

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Auf unterschiedlichen Böden machen Mitglieder der Parkinson-Selbsthilfegruppe Beweglichkeits-Übungen im Barfußpark.

Sie halten sich am Geländer fest und stapfen vorsichtig durch die „Matsche“ des Barfußparks in Schwackendorf. Zunehmend fühlen sich die Mitglieder der Parkinson-Selbsthilfegruppen aus Kappeln und Eckernförde sicherer. Als sie und ihr Leiter Bernd Carstens aus Karby mit schwarzen Waden dem Matsch-Becken entsteigen, fühlen sie sich wohl: „Das hat gut getan.“ Dann erklimmen sie einen Balken und beginnen zu balancieren – links und rechts abgestützt und gesichert durch helfende Hände. Dann tastet sich die Gruppe über runde und spitze Steine, zerhackte Tannenzweige – immer vorsichtig. Dabei fühlen die Gruppenmitglieder die unterschiedlichen Untergründe geradezu bis in die sprichwörtlichen Haarspitzen. Für alle steht fest: „Das machen wir wieder.“

Beim Gang durch den Barfußpark, der sich in seiner vierten Saison befindet, wird die Gruppe von der 33-jährigen Physio- und Ergotherapeutin Heike Brodersen begleitet. Aus beruflicher Erfahrung weiß Bordersen, dass der Barfußpark mit all seinen verschiedenen Böden mit dazu beitragen kann, die Beweglichkeit zu erhalten, die Koordination zu verbessern, das Gleichgewicht zu schulen und die Sensibilität zu fördern. Was gesunden Menschen gut tut, nützt auch Kranken – Therapie unter freiem Himmel.

Als der heute 74-jährige Bernd Carstens im Jahr 2000 in den beruflichen Ruhestand ging, ahnte er nicht, was auf ihn zukommen würde. Während eines Urlaubs wunderte sich Ehefrau Astrid, dass ihr Mann beim Gehen seinen rechten Arm nicht bewegte – der hing kraftlos herunter. Also suchte er seinen Arzt auf. Der verfügte über eine neurologische Ausbildung und tippte sofort auf Parkinson. Bei der sogenannten Schüttelkrankheit handelt es sich um eine langsam fortschreitende Erkrankung des Nervensystems. Ein hinzugezogener Neurologe bestätigte die Diagnose: Das war im Jahr 2002. „Ich hatte großes Glück, dass die Krankheit so schnell erkannt wurde und mir der lange Weg von Arzt zu Arzt erspart blieb“, sagt der ehemalige Verwaltungsleiter des St.-Nicolaiheimes. Allerdings: Bei Feststellung der Krankheit sei er „schon mittendrin in Parkinson“ gewesen. Mit seiner Frau stellte er sich auf das Leben mit dieser Krankheit ein: „Anfangs schluckte ich täglich eine Tablette, heute sind es 15.“

2006 trat Bernd Carstens in die Kappelner Gruppe ein und leitet sie seit 2008. Im August 2013 wurde die Gruppe Eckernförde gegründet, und auch diese leitet Carstens. Der Einzugsbereich der Kappelner Gruppe liegt zwischen Waabs, Gelting und Süderbrarup. Deren Mitglieder treffen sich jeden letzten Montag im Monat im Christophorushaus. Dann wird gemalt, geturnt, geschnackt, getanzt und gesungen. Das alles wirkt sich positiv auf das Selbstwertgefühl aus, bedeutet ein Stück Lebensqualität und für eine gewisse Zeit auch Ablenkung. Singen ist wichtig, um die Stimme zu erhalten, denn, so Carstens: „Man wird beim Sprechen immer leiser und merkt es nicht.“ Da ist logopädische Unterstützung erforderlich.

Gemeinsam etwas zu unternehmen, das ist allen Mitgliedern und deren Partnern wichtig, so wie jetzt im Barfußpark. Und um auch die Lebenspartner zu stützen, gibt es einmal im Vierteljahr ein Angehörigen-Treffen. Sich nicht aufgeben, lautet das erklärte Ziel der Selbsthilfegruppen. Da spricht Bernd Carstens aus Erfahrung und sagt, dass die Krankheit sehr unterschiedlich verläuft. Die Kräfte lassen nach, das Gehen fällt zunehmend schwerer, man wird immer unsicherer – erst wird der Stock zur Hilfe genommen, dann der Rollator, schließlich der Rollstuhl. Es ist nicht einfach, mit Parkinson zu leben, resümiert Carstens angesichts seines eigenen Lebens und das der ebenfalls an Parkinson erkrankten Mitglieder der Selbsthilfegruppen – aber sich aufgeben, das kommt für sie alle nicht in Frage.

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