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Figurentheater-Tage : Talente an Fäden im Varietétheater

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Das Hohenloher Figurentheater eröffnet die Kappelner Puppenfestival vor 220 Zuschauern in der Koslowski-Halle.

shz.de von
erstellt am 09.Mär.2015 | 07:30 Uhr

Manchmal muss man sich selber einmal kurz schütteln, ein bisschen sammeln und dann den Blick wieder nach vorne richten. Ja, genau dort vorne stehen tatsächlich nur Figuren aus Lindenholz, tote Materie also. Eigentlich. Und was heißt hier „nur“? Die 28. Figurentheater-Tage baten am Freitagabend ins Varieté – und geschätzte 220 Zuschauer wollten dabei sein, als Johanna und Harald Sperlich mit ihrem Hohenloher Figurentheater so etwas wie ein kleines Puppen-Feuerwerk entzündeten. Typisch für das Varietétheater reihten sie die Auftritte ihrer so unterschiedlich begabten Marionetten wie Mosaiksteine aneinander, jeder ihrer kleinen großen Künstler durfte einen Moment lang ganz allein im Scheinwerfer strahlen, und das vollkommen zu recht. Vielleicht fehlte die ganz große Geschichte drumherum, eine fortlaufende Erzählung zum Mitfiebern, ein echter Held zum Mitleiden. Aber, und auch das ist Teil des Varietétheaters, an eindrucksvollen Effekten mangelte es sicher nicht. Zu individuell waren die Charaktere, die da auf der Bühne standen, zu virtuos das Spiel, das ihnen Johanna und Harald Sperlich angedeihen ließen. Zu lebendig waren die Puppen aus Lindenholz.

Das Varieté Olymp nimmt also nach langer Zeit wieder Fahrt auf. Einst hatte der ungesühnte Mord an der kleinen Tochter der Sängerin Martha Lecoeuer das Ensemble auseinander getrieben. Später fand man auch noch die Leiche des Entfesselungskünstlers August Forti. Johanna und Harald Sperlich lassen zwei Handpuppen – die junge, grazile Sängerin Martha und den jungen Magier Magnus Nada – die Vergangenheit nacherzählen. In der Gegenwart ist Martha – jetzt an Fäden geführt – nicht mehr ganz so grazil, ganz im Gegensatz zu ihrer glockenklaren Singstimme.

Wortlos verläuft derweil der erste Auftritt von Emil Nada, Sohn des Magiers Magnus. Er ist Fakir mit strengem Scheitel und auffallend breitem Sportlerkreuz und setzt zum Kopfstand auf dem Nagelbrett an. Harald Sperlichs scheinbar müheloses Faden-Spiel erlaubt es, die körperliche Strapaze seines Fakirs deutlich zu spüren: Langsam legt Emil den Kopf auf die Nägel, drückt den Rücken durch, streckt die Beine, führt sie angestrengt in Zeitlupe nach oben. Als er sie in einem letzten Kraftakt zackig ausstreckt, gibt es Sonderapplaus vom Publikum. Den erhält kurz darauf auch Josef Lerire, den Conférencier Anton Zwetschge als „lustigsten Clown der Welt“ ankündigt. Lerires Auftritt ist kurz, das Highlight: Er hüpft auf einem Bein. Spätestens jetzt ahnt Zwetschge Böses. Dem kleinen rothaarigen Mann, dem Johanna Sperlich einen herrlich hektischen Watschelgang verleiht, entgleitet die Show, und nebenbei muss er sich mit den altklugen Weisheiten eines sprechenden Hundes herumplagen, der solch bedeutungsschwangere Sätze sagt wie: „Der Schmerz ist der große Lehrer der Menschen.“

Bis es soweit ist, erobert sich Marie Lerire noch ihren Platz im Herzen der Zuschauer. An den Fäden von Johanna Sperlich schwebt die Akrobatin mit den zwei verschiedenfarbigen Schuhen fast schwerelos am Ring über die Bühne. Mal nutzt sie den Ring als Schaukel, mal hängt sie kopfüber darin, mal berührt sie ihn nur mit den Fußspitzen. Neben Fakir Emil liefert Marie den imponierendsten Auftritt ab – dank der Menschen, die hinter ihr stehen. Den spektakulären Schlussakkord setzt wiederum Martha, die Magier Magnus zersägen soll. Und was zuvor zigmal geklappt hat, geht jetzt, so scheint es, fürchterlich schief. Der Schmerz setzt ein und auch die Erkenntnis, als sich Clown Josef seine Maske herunterreißt und als totgeglaubter Befreiungskünstler August Forti hervorkommt.

Knapp eineinhalb Stunden offenbarte das Varieté Olymp seine Talente ehe der Vorhang wieder fiel. Jonglage, Akrobatik, Gesang, vor allem aber Magie hatten die Kappelner erlebt. Viele blieben weit über das Ende der Vorstellung hinaus, um sich noch einmal die Marionetten vorführen zu lassen, die sie gerade hatten vergessen lassen, dass sie eben das sind – Puppen an Fäden. Harald Sperlich lächelte jedenfalls über das ganze Gesicht, sprach von Freude und Adrenalin. Und: „Wenn man merkt, dass das Publikum mitgeht, spielt sich das Stück fast von allein.“ Und dann wird eben auch Lindenholz lebendig.

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